R. N., London, Anfang Juli

Das aus dem Nachlaß des Duke of Westminster stammende Rubens-Gemälde "Die Anbetung der drei Weisen" erlöste bei Sotheby’s im Zuschlag an den Londoner Händler Leonard Koetser mit 275 000 Pfund (nahezu 3,25 Mill. DM) den höchsten je auf einer Versteigerung für ein Bild bezahlten Preis. Im vergangenen Oktober waren im gleichen Auktionshause für Cézannes "Knaben mit der roten Weste" aus der Sammlung des 1955 in New York verstorbenen Bankiers Dr. Jakob Goldschmidt (einstmals Darmstädter und Nationalbank) 220 000 Pfund ausgelegt worden. Nach wie vor ist der Kunstmarkt also ein abgesprochener Verkäufermarkt, soweit Stücke von außergewöhnlichem ästhetischem Reiz oder historischem Interesse unter den Hammer gebracht werden.

Hatte man während der letzten drei oder vier Jahre schon wiederholt davon gesprochen, daß der Auftrieb nach langjähriger, ununterbrochener Hausse-Bewegung nun endlich zur Ruhe kommen müsse, so ist das Geschäft in Kunstwerken aller Gattungen in Wirklichkeit selbst von der jüngsten amerikanischen recession völlig unberührt geblieben. Die Rekorde scheinen sich sogar hastiger denn je zu jagen.

Vor Monatsfrist war Picassos "Schöne Holländerin" bei Christies für 55 000 Pfund, dem höchsten je auf einer Versteigerung für das Bild eines lebenden Künstlers bezahlten Preis, zugeschlagen worden. Gleiche absolute Höchstgebote hatten hier im Dezember ein Louis Quinze-Schreibtisch mit 35 000 Pfund und kürzlich, vor zehn Tagen, eine Stradivari mit 8200 Pfund, ein als Ring gefaßter Diamant von fast 24 Karat mit 56 000 Pfund und die Westminster-Tiara erzielt, deren Diamanten der Königin Charlotte (Frau Georgs III.) vom Raja von Arcot geschenkt worden waren (mit 110 000 Pfund).

Freilich scheint die Nachfrage hin und wieder preisempfindlich zu werden. Im Grunde genommen hat ihr Appetit bisher aber noch immer zugenommen. Zugleich tendiert das Angebot eher zur Verknappung. Denn wenn es dem Markt schon früher einigermaßen schwergefallen ist, ein launenhaftes Sammlerpublikum mit den jeweils bevorzugten Dingen ausreichend zu versorgen, so nehmen die heute anfallenden Kostbarkeiten doch mehr und mehr den Weg in Museen – die weder sterben und Erbschaftssteuern zahlen müssen, noch verkaufen –, wosie meist auf alle Zeit hinaus immobilisiert bleiben.

So ergeht es vor allem natürlich den alten Meistern, aber recht deutlich auch bereits der holländischen Schule des 17. Jahrhunderts und inzwischen selbst schon den derzeitigen Favoriten, d. h. den Impressionisten und Nach-Impressionisten sowie den maitres bénéistes des 18. Jahrhunderts. Obwohl sich die Preise der Werke aus dieser gegenwärtig besonders begehrten Epoche über die letzten 15 Jahre hinweg im Schnitt mehr all verdreifacht haben – der obige Picasso war unmittelbar vor dem ersten Weltkrieg mit 800 Francs und kurz nach dem zweiten Krieg mit 6000 Pfund bezahlt worden –, läßt sich daher noch immer nicht absehen, wann der ungewöhnlich flotte Anstieg der Auktionswerte aufhören könnte.

Der Erwerb von Kunstwerken war nie eine verläßliche Kapitalanlage und kann als kommerzielles Engagement immer nur eine Spekulation mit den wahrscheinlichen Wandlungen des Geschmacks sein. Die englischen Porträts der 18. Jahrhunderts, die zwischen 1919 und 1939 große Mode waren und mit Gainsboroughs "Blauem Knaben" auf Preise von mehr als 800 000 Dollar kletterten, erlösen heute kaum noch ein Zehntel der damaligen Angebote.