Jeder noch einmal in Berlin", sagt der Hotelportier am Kurfürstendamm und gibt der Drehtür einen Stups. O. W. Fischer, der gefeiertste Star der diesjährigen Berliner Filmfestspiele, rettet sich vor den Autogrammjägern, die frecher als jemals die ganze Zoogegend unsicher machen.

Einen Monat nach Ablauf des ersten sowjetischen Berlin-Ultimatums stellen die Berliner in einer Mischung von Stolz und Rührung fest, daß alle Welt sich demonstrativ zur deutschen Hauptstadt bekennt. Am vergangenen Sonntag allein waren 25 000 Gäste in Westberlin – vor allem die Fußballfans für das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft im Olympiastadion, aber auch viele hundert Berlinale-Teilnehmer und Zuschauer, sogar die ersten Bundestagsabgeordneten trafen schon ein zur Wahl des neuen Bundespräsidenten am 1. Juli 1959 am Berliner Funkturm.

Für die IX. Internationalen Filmfestspiele bot die festliche Kongreßhalle am Tiergarten, wenige hundert Meter vom Brandenburger Tor und der Sektorengrenze entfernt, die denkbar festlichste Eröffnungsplattform. Was die Veranstalter der Berlinale auf dieser Plattform am Freitagabend boten, war weniger festlich und mag vor allem die sechs Millionen Fernsehzuschauer in ganz Deutschland enttäuscht haben. Solche Anlässe erweisen eben doch schmerzlich, daß Berlin Jahr um Jahr an geistiger Substanz verloren hat. Die musikalische Umrahmung der Eröffnungsfeier hatte trotz der Leitung des vortrefflichen Filmmusikers Werner Eisbrenner das Niveau der Kurkapellendarbietung einer mittleren Stadt. Die Starparade, gedacht als glanzvoller Höhepunkt, war geradezu peinlich schlecht vorbereitet. Der überaus sympathische Hans Söhnker tat nicht viel mehr, als Namen aufzurufen, wie bei einem Appell. Die so unsanft zitierten Stars brauchten allemal Minuten, um sich aus den Sitzreihen zu winden und über die lange Bühne bis zum Mikrophon vorzuarbeiten. Hier fühlten sie alle sich bemüßigt, in phantasielosen Variationen den Satz zu wiederholen "I am glad to be here in Berlin".

Da hätte nur noch ein großartiger Eröffnungsfilm den Abend retten können, aber die Festspielleitung zeigte ein schwaches süßliches Lustspielchen, die CCC-Brauner-Produktion "Und das am Montagmorgen". O. W. Fischer als Musterschüler des Lebens erreichte die Intensität und den Humor seiner "Helden"-Rolle nicht entfernt. (Der Film "Helden", der in Cannes nicht preiswürdig war, erhielt in Berlin gleich zwei Auszeichnungen.) Ulla Jacobsson als Fischers Partnerin war eine absolute Fehlbesetzung. Als Labsal Werner Finck (warum eigentlich hatte man nicht ihm die Conference für die Starparade übertragen?). Es ist, wie man wieder einmal sah, nicht damit getan, sich Schauspieler aus Österreich und Schweden, ein Drehbuch aus England (Priestley) und einen Regisseur aus Italien (Comencini) zu besorgen; das ist ein sehr äußerliches Mißverständnis des Begriffes international.

Ein weiteres Kapitel für kritische Anmerkungen bildet die Auseinandersetzung um Dr. Bernhard Grzimeks neuen Tierfilm "Serengeti darf nicht sterben Dieser nebenher uraufgeführte Dokumentarfilm über eines der letzten afrikanischen Tierparadiese ist zugleich Dr. Grzimeks Vermächtnis für seinen verunglückten Sohn Michael. Die Filmbewertungsstelle der Bundesländer in Wiesbaden knüpfte an die Verleihung des Prädikats wertvoll für diesen Film Bedingungen, denen Dr. Grzimek nicht nachkommen möchte. Der Bewertungsstelle ist dieser Film zu familiär und insbesondere stößt sie sich an dem Schluß, wo Dr. Grzimek im Kommentar zum Ausdruck bringt, daß Löwen im Grunde friedfertiger sind als Menschen. Abgesehen davon, daß er sicherlich recht hat, belehrt Grzimek uns darüber, daß Löwen am Tage durchschnittlich 15 Stunden schlafen, sieben Stunden dösen, eine Stunde zum Aufwachen brauchen und nur eine einzige Stunde wirklich wach sind. Diese zoologische Tatsache wäre doch Grund genug, Dr. Grzimeks humane Skepsis humoristisch zu verstehen. Sein neuer Film wird die Herzen vieler Menschen erwärmen, mit und ohne Prädikat, aber auf jeden Fall hätte er in die Berliner Filmfestspiele gehört.

Als abendfüllender Dokumentarfilm erhielt der Israel-Film "Paradies und Feuerofen" die höchste Auszeichnung. Der Regisseur und Autor dieser Dokumentation, Herbert Viktor, wurde ebenfalls ausgezeichnet. Viktors farbige Reportage über eines der aufregendsten Länder der Erde verdient in der Tat hohes Lob. Neben Grzimeks Tierfilm manifestiert er erneut eine Grundtendenz der heutigen Filmproduktion: Das dokumentarische Filmwerk gewinnt immer mehr an Boden gegenüber dem künstlerischen. Eine parallele Entwicklung ist ja auch in der Literatur zu verzeichnen: das Sachbuch wird heute mit mehr Glück und Substanz gemacht, als die Dichtung – Ausnahmen bestätigen die Regel. Der abendfüllende Film ist niemals langweilig, hat keine sentimentalen oder dramaturgisch schlaffen Stellen.

Nicht weniger als 43 Filmländer präsentieren und repräsentieren zur Zeit in Berlin.

Thilo Koch