Von Eka von Merveldt

Der Regen rinnt. Auf den japanischen Inseln hat die Regenzeit begonnen und wird noch bis Mitte Juli anhalten. Viele Japaner haben die Getas angezogen, die klappernden Holzsandalen, und hasten auf hohem Kothurn durch die Straßen. Ich beobachtete von meinem stillen Zimmer aus, in dem ich wie auf einer Bühne saß, schon eine ganze Weile, wie das Bächlein des winzigen Gartens sich über die Kieswege ergoß. Die vierte Wand des Raumes zum Garten fehlte. Ich wußte nicht genau, wo ich war. Jedenfalls in einem Teehaus. Mein Gastgeber, jener Industrielle, der in der Fabrik wie ein Amerikaner arbeitet und zu Hause den Kimono anzieht und wie ein Japaner lebt, hatte den Chauffeur im Mercedes japanischer Machart angetrieben, kreuz und quer durch die unordentlichen Straßen Tokios zu fahren. Zum Schluß war es in einen Stadtteil voller verwitterter Holzhäuschen um viele Ecken und durch winklige Gassen gegangen.

Hinter der Papierwand im Nachbarraum fand eine fröhliche Geisha-Party statt, und irgendwo in dem einstöckigen, aber weitläufigen Gebäude rauschte seit mehr als zwei Stunden ein ganzes Orchester von Shamisen, deren monotone Wiederholungen etwas Verwirrendes haben. Dazu die schwierigen Töne, der gepreßte Gesang männlicher Stimmen.

Man kann Europa und Amerika in Japan wiederfinden. Schiffe, Flugzeuge, Autos, Eisenbahnen, Fernsehgeräte, Kameras kamen als Modelle aus Europa oder aus den USA. Die Japaner haben alles, was wir haben, aber wir haben nicht alles, was sie haben – obwohl wir auch manche Anregung von ihnen übernommen haben, in jüngster Zeit Wandschränke für unsere Häuser und verstellbare Wände. Von den wenigen japanischen Worten, die bei uns und überall bekannt sind, ist wohl "Geisha" am weitesten verbreitet und am faszinierendsten.

Mein Gastgeber, der vor einem halben Jahr, in Europa herumgereist war, sagte zu mir: "Haben Sie schon mal eine Geisha-Party mitgemacht? Zu Hause werden sie alle fragen, wie das mit den Geishas ist. Das ist doch das erste, was die Freunde wissen wollen", fügte er belustigt hinzu.

Ich erzählte ihm, wie ich in einem berühmten Restaurant in Kioto mit den Maikos, den jungen Elevinnen der Geisha-Kunst, auf der Tatami herumgesprungen war, bei kindlichen Spielen wie "Wir reisen nach Jerusalem" und Verwechselt das Bäumchen" und anderen japanischen Spielarten. Geishas, sagt man, haben kan, den sechsten Sinn, und wenn europäische Frauen bei einer Geishaparty dabei sind, wissen sie sie um den Finger zu wickeln. Eine Maiko hatte den kuriosen Namen Fudeke, "Duft der Kalligraphie". Sie schenkte mir ihren Fächer und ließ meine Gegengabe, die ich glücklicherweise bei mir hatte, ein Taschenfläschchen Parfüm, in ihrem Obi verschwinden.

Geisha-Parties, sagte der Fabrikherr, sind heute die am meisten gepflegte Form des Umganges mit den "Personen der Kunst (oder Bildung)". Sie gehen auf Spesenkonto. Es ist die übliche Art in Japan, Verträge abzuschließen, Geschäfte zu machen. Man ißt gut, man trinkt ein bißchen, man läßt sich von den Kunstdamen unterhalten ...