Fünf Monate nach dem Entschluß des Papstes, ein ökumenisches Konzil einzuberufen, beginnen sich hinter dem Dunst der – durch die vage Formulierung des ersten vatikanischen Kommuniques begünstigten – Spekulationen und Mißverständnisse die wahren Konturen dieses Konzils abzuzeichnen. Es ist mittlerweile deutlich geworden: Johannes XXIII. denkt nicht daran, die kirchliche Tradition zu durchbrechen. Das Konzil wird ein römisches Konzil sein – das ist vor kurzem auch schon bei einem interkonfessionellen Gespräch im Kloster Maria Laach angeklungen.

Rom, Anfang Juli

Als der Papst am 22. Januar in der Basilika St. Paul bei der Ankündigung des ökumenischen Konzils von einer "Einladung an die getrennten Gemeinschaften" sprach, "die Einheit zu suchen, die so viele in allen Teilen der Welt ersehnen", da mißverstanden viele offenbar das Wort "Einladung". Um eine Einladung handelte es sich keineswegs – vielmehr um eine "Aufforderung".

Nach dem katholischen kanonischen Kodex von 1918 können zu einem Konzil als stimmberechtigte Vollmitglieder ja nur Geistliche eingeladen werden, die den Primat des Papstes anerkennen: alle Kardinäle, Erzbischöfe und Bischöfe, ferner die Äbte und Prälaten, die ein Gebiet der Kirche verwalten, jeder Abt-Primas, außerdem die höheren Äbte der Mönchsorden und die höchsten Obern aller Priesterorden. Sie alle werden die Väter des Konzils genannt – und nur sie.

Das von manchen für das Jahr 1962 vorausgesagte Schauspiel, bei dem anglikanische, protestantische und orthodoxe Priester Seite an Seite mit ihren katholischen Kollegen in St. Peter einziehen sollten, wird also nicht stattfinden. Denn auch die theoretisch mögliche Einladung von Vertretern der Dissidenten als offizielle Beobachter ist praktisch unwahrscheinlich (und würde überdies auch kaum von den auf Gleichberechtigung pochenden Nicht-Katholiken angenommen werden).

Auch der Termin 1962 ist eine unrealistische Erfindung. Vor Ende 1964 dürften die Vorbereitungen für das 21. Konzil der Kirchengeschichte nicht beendet sein. Ebensowenig steht der Ort der – wohlgemerkt im katholischen Sinne ökumenischen – Versammlung fest, wenngleich neuerdings andere Städte als Rom nicht genannt werden. Das letzte Mal – 1869/70 – versammelten sich die Teilnehmer in einem Querschiff des gewaltigen Petersdomes. Bei dem geplanten Konzil, das – im Gegensatz zu früheren Konzilen, die sich oft über mehrere Jahre erstreckten – vermutlich nicht länger als sechs Wochen dauern wird, werden wohl rund 3500 katholische Geistliche zusammenkommen.

Der Anteil der Italiener, die 1869/1870 die relative Mehrheit besaßen, wird dabei diesmal geringer sein. Inzwischen sind allein in den Vereinigten Staaten über 100 neue Diözesen entstanden. Die Vertreter der romanischen Länder werden indes noch immer das Gros bilden, wie ja auch in der vom Papst eingesetzten vorbereitenden Kommission unter Kardinalstaatssekretär Tardini kein Deutscher, Angelsachse oder Nordeuropäer sitzt. Böse Absicht steckt freilich nicht dahinter: Die Internationalisierung der Kurie geht nicht zuletzt deswegen so langsam voran, weil viele ausländische Diözesen einfach keine Geistlichen nach Rom entsenden. Daraus erklärt sich auch, daß gegenwärtig nur ein einziger Deutscher im Staatssekretariat, dem vatikanischen Außenministerium, tätig ist.