Es gibt Institutionen unseres öffentlichen Lebens, die getragen werden vom Willen des deutschen Staatsbürgers, finanziert werden vom Gelde des deutschen Steuerzahlers – und dennoch jeder öffentlichen Kritik entrückt sind. Und zwar entrückt auf eine ganz harmlose und kaum anfechtbare Weise: Wer nicht selber zu den jeweiligen Institutioin gehört, weiß zu wenig über das, was sich abspielt, um sich kritisch damit auseinandersetzen zu können; wer selber dazugehört, wird sich hüten, öffentliche Kritik zu üben, da so etwas sich sehr dämpfend auf seine persönlichen "Aufstiegsmöglichkeiten" auswirken könnte. Unter solchen Umständen erscheint es uns gerechtfertigt, von einem in dieser Zeitung üblichen Verfahren abzugehen und den Namen des Autors nicht zu nennen. Wahrscheinlich wären die Betrogenen großzügig genug, den Beobachter nicht das entgelten zu lassen, was er – guten Gewissens und besten Willens – zu beobachten glaubt. Aber kann derjenige, der mit uns bereit wäre, sich auf solche Großzügigkeit fest zu verlassen, einem anderen, der mehr dabei zu verlieren hat, das gleiche zumuten? Wir wollten es dem Autor nicht zumuten. Statt dessen haben wir den nachfolgenden Artikel einigen prominenten Ordinarien der Medizin an deutschen Universitäten vor dem Abdruck zugeschickt und uns verpflichtet, ihre Erwiderungen abzudrucken, soweit das technisch irgend möglich ist (das heißt: soweit die Erwiderungen nicht die Aufnahme-Kapazität dieser Seiten überschreiten). Wir hoffen, damit zur Belebung einer Form der geistigen Auseinandersetzung beizutragen, die hierzulande – sehr zum Schaden des Landes – zu kurz kommt: der Polemik. Möglicherweise fehlt es gar nicht an einseitigen Polemiken. Wir sind für Polemik von beiden Seiten;

Als vor einiger Zeit Dr. Forßmann,also endlich wieder einmal auch ein deutscher Mediziner, den Nobelpreis bekam, erweckte diese zweifellos erfreuliche Tatsache allgemein Stolz und Genugtuung. Der Preisträger war, wie bekannt, der Mann, der als erster auf den Gedanken gekommen war, daß und wie man dem lebenden Herzen Blut entnehmen könne (dessen Untersuchung für die Diagnose bestimmter Herzerkrankungen unentbehrlich ist), und der darüber hinaus auch den Mut aufgebracht hatte, diesen Gedanken in die Tat umzusetzen, und zwar an seinem eigenen Herzen.

In die Freude, weiche die Verleihung des begehrten Preises an einen deutschen Wissenschaftler auslöste, mischte sich bei vielen auch das Gefühl der Erleichterung. Schien doch die hohe Auszeichnung ein Zeichen dafür zu sein, daß wir, nach langen Jahren, in denen es um die einst so berühmte deutsche Wissenschaft stiller und stiller geworden war, wieder einen gewissen Anschluß erreicht hatten an jene Nationen, deren Leistungen heute für den Fortschritt der naturwissenschaftlichen Forschung maßgeblich sind.

Leider ist das Gefühl der Erleichterung hier nicht voll gerechtfertigt. Wer die Verhältnisse etwas genauer kennt, könnte die verdiente Ehrung eines kühnen Forschers ebensogut als eine peinliche und bedenkliche Blamage empfinden – vielleicht nicht für die deutsche Wissenschaft, aber für die deutschen Universitäten.

Wenn wir uns recht erinnern, so war er doch so, daß dieser Dr. Forßmann, von dem, ehe er Nobelpreisträger wurde, in Deutschland kaum jemand je etwas gehört hatte, in einer kleineren Stadt eine schlichte Praxis betrieb und daß erst die internationale Ehrung auch die deutsche akademische Wissenschaft auf ihn aufmerksam machte. Jetzt freilich beeilte sich die Universität Mainz, ihm den Professorentitel zu verleihen, und die der Preisverleihung folgenden "innerdeutschen" Wellenbewegungen kamen erst zur Ruhe, nachdem der Jubilar – nach einem hastig durchgeführten "Auffrischungskurs" – Chef einer größeren Klinik im Rheinland geworden war.

Gibt dieser Nobelpreis nicht vielleicht Anlaß zu der besorgten Frage: Wie es kommen könne, daß der Urheber einer so bedeutenden wissenschaftlichen Entdeckung von der deutschen Wissenschaft übersehen wurde? Und muß man nicht fragen, wie es kommen konnte, daß eine deutsche Universität ihn erst dann in ihre Reihen aufnahm, als er mit dem Nobelpreis internationale Berühmtheit erlangt hatte? Wie es möglich war – und es war möglich! –, daß dieser gleiche Dr. Forßmann sich mit der gleichen Entdeckung, fürdie er jetzt den Nobelpreis bekam, seinerzeitvor dem Kriege an der damals bedeutendsten deutschen Universität, in Berlin nämlich, nicht einmal habilitieren konnte?

Es gibt so viele Gründe, die als einleuchtende Entschuldigungen ins Feld geführt zu wercen pflegen für die nicht mehr zu leugnende Tatsache, daß es uns nicht recht gelingen will, den Anschluß an die wissenschaftlichen Leistungen derheute führenden Nationen in West und Ost wiederfinden.