A. M., Paris, Anfang Juli

Im französischen Parlamentarismus hat sich ein kleines Wunder ereignet. Die Algeriendebatte der Kammer hatte vor kurzem noch den Eindruck bestärkt, als sei es mit dem parlamentarischen Leben in Frankreich endgültig zu Ende. Über Nacht jedoch hat der Senat, der in der Vierten Republik nur ein Schattendasein fristete, das Ansehen des Parlamentarismus gerettet. Das liegt nicht nur daran, daß ihm die neue Verfassung einiges von seiner alten Macht zurückgegeben hat. Entscheidend ist vielmehr, daß der Senat wirkliche Persönlichkeiten als Vertreter der Opposition aufzuweisen hat und diese Persönlichkeiten auch zu Worte kommen läßt.

Von den unwürdigen Lärmszenen in der Kammer stach erfreulich die Würde ab, mit der sich du "Oberhaus" bei der Algerien-Debatte seine prominenten neuen Mitglieder anhörte, die aus der Kammer herübergewechselt sind: den jugendlichen Mitterand, den Bannerträger des "Mendèsismus", den geistreichen, auf Ausgleich bedachten. Edgar Faure, den Mehrheitssozialisten Defferre, der als einstiger Überseeminister am Anfang der Umwälzungen im französischen Kolonialreich steht, und sogar Duclos, den bekanntesten Sprecher der Kommunisten. So entstand der Eindruck eines wirklichen Gesprächs; hier im Senat war Premierminister Debré mit seiner Taktik, alle Andersdenkenden als schlechte Franzosen hinzustellen, offensichtlich nicht durchgedrungen. Das ist ein erfreuliches Symptom in einem Augenblick, wo allzu viele Kräfte in Frankreich am Werke sind, die freie Meinungsäußerung zu beschneiden.