Die Präsidenten der westdeutschen Börsen haben im Bundeswirtschaftsministerium nachdrücklich die rasche Verabschiedung jenes Gesetzes gefordert, das die steuerfreie Umwandlung von Rücklagen in Aktien vorsieht. Dieses Gesetz kann dazu beitragen, die jetzt geradezu unerträglich gewordene Marktenge bei den Aktien zu mildern. Es ist deshalb zu hoffen, daß die gesetzgeberischen Arbeiten in diesem Punkt weiter vorangetrieben werden. Sie, meine verehrten Leser, werden mit mir der Meinung sein, daß auch in Zeiten innen- und außenpolitischer Krisen die Arbeit der Politiker weitergehen muß. Nun ist es allerdings nicht nur der Zeitmangel, der das "Zusatzaktien-Gesetz" auf Eis gelegt hat. Hinderlich war und ist die völlig unorganische Koppelung mit einer Reform der Gewinn- und Verlustrechnung, die man besser bis zum Erlaß eines neuen Aktiengesetzes zurückstellen sollte, sowie die Wünsche einiger Sozialreformer, die einen Teil der versteuerten Rücklagen in Belegschaftsaktien verwandelt und diesen Wunsch im Gesetz verankert haben möchten. Daß hier Kapital verschenkt werden soll, das allein den Aktionären gehört (denn sie haben auf entsprechende Gewinnausschüttungen verzichtet), stört diese Leute nicht. Bedauerlich ist, daß diese Enteignungsabsicht nicht von vornherein als nicht mit dem Grundgesetz vereinbar zu den Akten gelegt, sondern daß darüber überhaupt noch beraten worden ist.

Wenn wir uns heute, meine verehrten Leser, mit den Zusatzaktien (oder auch oftmals "Gratiskatien" genannt) beschäftigen wollen, dann ist der aktuelle Anlaß dafür die Gewinnausschüttung der F. Reichelt AG, Hamburg, einer pharmazeutischen Großhandelsfirma, die ihren Aktionären eine Dividende von 12 v. H. für 1958 sowie eine Sonderausschüttung von 50 v. H. ausgezahlt hat. Hier soll nicht von der wirklich erfreulichen Ertragskraft der Gesellschaft die Rede sein, sondern von dem Weg, den der Vorstand gefunden hat, den Aktionären Zusatzaktien zugute kommen zu lassen, ohne daß hierfür ein besonderes Gesetz notwendig wurde.

Die Gesellschaft hat in 1958 gut verdient und in den Jahren vorher auch, so daß die Rücklagen annähernd die Höhe des Grundkapitals erreicht haben. Außerdem sind bei dem Unternehmen die Abschreibungsmöglichkeiten begrenzt, eine Erscheinung, die bei allen Handelsfirmen vorliegt. Infolgedessen stand der Vorstand vor der Frage: Wohin mit dem Gewinn? Er hätte die Rücklagen natürlich weiter aufstocken können. Eine sachliche Notwendigkeit liegt bei dem guten Geschäftsgang jedoch nicht vor. Dennoch hätte man den über die Dividende hinausgehenden Betrag in die Rücklagen fließen lassen, können, und zwar mit der Absicht, einen Teil der Rücklagen späterhin steuerfrei in Form von Zusatzaktien an die Aktionäre zu verteilen.

Aber ist dieser Schritt wirklich steuerlich für alle Beteiligten günstig? Die Rücklagenverstärkung kostet die Gesellschaft eine Körperschaftsteuer (einschl. Notopfer) von 51 v. H.; schüttet man aber diesen Betrag an die Aktionäre aus, werden nur 15 v.H. fällig. Nun wird man einwenden können: Ja, aber jetzt wird Kapitalertragsteuer von 25 v. H. fällig, die der Aktionär aufbringen muß und die letzten Endes nur eine Vorauszahlung auf die Einkommensteuer darstellt. Das ist ein Einwand, der nur dann zieht, wenn jemand mit seiner Einkommensteuerspitze über 50 v. H. hinauskommt. Für die Masse der Kleinaktionäre ist das nicht der Fall. Wer nur lohnsteuerpflichtig ist, dem wird neuerdings sogar keine Kapitalertragsteuer mehr abgezogen. (Wie das zu erreichen ist, werden wir in der nächsten Ausgabe der ZEIT besprechen). Der Vorstand der F. Reichelt AG läßt also der individuellen Besteuerung der Aktionäre freien Raum, eine Möglichkeit, die das Zusatzaktiengesetz nicht bietet, weil die Bildung von Rücklagen stets 51 v. H. Körperschaftsteuer kostet, um die der an die Aktionäre gehende Betrag praktisch vorher gekürzt wird.

Nun ist es natürlich so, daß die F. Reichelt AG nicht ohne weiteres auf 62 v. H. (die Gesamtjahresausschüttung) ihres Grundkapitals verzichten kann. Sie macht deshalb gleichzeitig eine Kapitalerhöhung im Verhältnis 2:1 mit einem Ausgabekurs von 125 v. H. Wer von den Aktionären junge Aktien beziehen will, hat ungefähr den Betrag dafür aufzuwenden, den er als Ausschüttung erhält. Auf je 100 DM nämlich 12 DM Dividende und 50 DM Sonderausschüttung. Zusammen 62 DM. Auf zwei Aktien macht das 124 DM.

Warum ich dies so ausführlich erläutere? Weil hier eine aktionärsfreundliche Verwaltung einen Weg gefunden hat, auch ohne Gesetz die Aktionäre an den guten Erträgen der Gesellschaft zu beteiligen. Außerdem hat sie die Steuerprobleme gründlich durchdacht und dann den Mut zu einem ungewöhnlichen Schritt gefunden. Gewiß, es gibt nur wenige Gesellschaften, bei der die Verhältnisse ähnlich liegen. Dennoch sollten alle Verwaltungen die Lehre daraus ziehen, daß die Rücklagenbildung bei der Gesellschaft eben sehr teuer ist. Wenn man Rücklagen schafft, um sie später als Zusatz-Aktien auszuschütten, vergeudet man praktisch die Mittel der Aktionäre. Es ist vernünftiger – wenn die Gewinnlage es zuläßt – einmal eine kräftige Bonus-Ausschüttung zu machen und die auszuschüttenden Mittel durch eine Kapitalerhöhung wieder einzufangen. Überhaupt bin ich der Meinung, daß Rücklagen, die der Geschäftsgang nicht erfordert, gar nicht erst gebildet werden sollten. Sie gehören in die Hand der Aktionäre. Erfahrungsgemäß verwaltet jeder Aktionär sein Geld selbst am billigsten!

Ich möchte hoffen, daß Ihnen diese Hinweise beim Studium der Bilanzen nützlich sind. Fragen Sie ruhig einmal in den Hauptversammlungen, warum diese oder jene Gesellschaft ihre Rücklagen Jahr für Jahr stärkt. Wenn man Ihnen antwortet: Ja, daraus werden wir Ihnen eines Tages steuerfreie Zusatzaktien ausschütten, dann wissen Sie wenigstens, daß Sie vor der Bildung der Rücklagen schon mindestens 51 v. H. Steuer darauf bezahlt haben.

Bis zum nächsten Mal! Ihr Securius