F. K., New York, Anfang Juli

Buchstäblich in der letzten Minute ist es Präsident Eisenhower gelungen, den Ausbruch des Streiks in der amerikanischen Stahlindustrie (wenn auch vielleicht nur vorübergehend) zu verhindern. Beide Parteien haben sich jedenfalls mit dem Vorschlag des Präsidenten einverstanden erklärt, den am 1. Juli fällig werdenden Arbeitsvertrag um zwei Wochen zu verlängern und die Verhandlungen im Hotel Roosevelt in New York wieder aufzunehmen.

Der erfolgreiche Ausgang der Vermittlungsaktion Eisenhowers hat um so mehr überrascht, als die Vorsitzenden beider Verhandlungsdelegationen bereits in der letzten Juniwoche kategorisch erklärten, es gebe überhaupt nichts mehr zu diskutieren! tatsächlich hatten Stahlproduzenten und Gewerkschaft schon am 27. Juni 1959 ihre Vorbereitungen für den Streik abgeschlossen.

Die plötzliche Kehrtwendung deutet darauf hin, daß im Grunde genommen beide Parteien diesmal einen Streik gar nicht wollen. Ihre bisher so starre und unversöhnliche Haltung ist offensichtlich weniger auf eine bis auf das Äußerste entschlossene Kampfbereitschaft zurückzuführen, als vielmehr die Folge einer unglücklichen Pressekampagne, welche die Manövrierfähigkeit der Verhandlungsdelegationen einengte.

Beide Parteien sind sich nämlich der verhängnisvollen Konsequenzen eines verlängerten Streiks durchaus bewußt. (Erfahrungsgemäß würde ein einmal ausgebrochener Streik – aus verhandlungstaktischen und "technischen" Gründen – mindestens 6 bis 8 Wochen andauern.) Allein für die Stahlarbeiter würde ein solcher Streik einen Lohnausfall in der Größenordnung von rund 500 Millionen Dollar bedeuten. Die Gewerkschaftskassen wären kaum in der Lage, mehr als nur einen Bruchteil dieser Summe als Streikentschädigung auszuzahlen. Selbst wenn die Arbeiter durch den Streik zu einem Mehrverdienst von 10 Cents pro Stunde gelangen würden, müßten sie fünf Jahre lang arbeiten, um den in "nur" zwei Streikmonaten erlittenen Verdienstausfall wieder wettzumachen! Dazu kommt, daß ein Stahlstreik auch die Arbeiter der mit der Stahlindustrie verbundenen Wirtschaftszweige zum Teil recht empfindlich treffen würde. Auf Grund einer Untersuchung des "Labor Department" müßten allein die Eisenbahngesellschaften durch einen zweimonatigen Streik in der Stahlindustrie mit einem Einnahmenausfall von rund 260 Millionen Dollar rechnen, was eine Kürzung der Lohnauszahlungen in diesem Wirtschaftszweig um mehr als 100 Millionen Dollar zur Folge hätte. Die Zahl der Beschäftigten im Eisenbergbau müßte von 30 000 auf 6000, d. h. auf ein Fünftel reduziert werden. Die Arbeiter im Kohlenbergbau hätten durch den Streik innerhalb von 8 Wochen einen Lohnausfall von durchschnittlich 200 Dollar je Arbeiter in Kauf zu nehmen.

Für die amerikanischen Stahlproduzenten bedeutet ein Streik eine Umsatzeinbuße von wöchentlich 400 bis 450 Millionen Dollar. Eine zweimonatige Stillegung der Betriebe würde sie somit um einen Umsatz von 3,2 bis 3,6 Milliarden Dollar bringen und zugleich eine Verminderung ihrer Nettogewinne (nach Abzug der Steuern) um 250 bis 300 Millionen Dollar zur Folge haben.

So entsteht die Frage, ob der Vermittlungsversuch des Präsidenten den Ausbruch des Stahlstreiks tatsächlich verhindern oder lediglich um 15 Tage verschieben wird. Diese Frage hängt weitgehend davon ab, ob es der Regierung gelingen wird, die festgefahrenen Fronten aufzulockern und vor allem den Parteien das "Gefühl" zu vermitteln, daß sie ihr Ansehen mehr als genügend gewahrt haben.