Rekordkurse zwischen Genf und Genf

Von J. Stohler

Noch nie seit dem Kriege standen die deutschen Aktien so hoch im Kurse wie in diesen Wochen. Hinter der Hausse aber steht nicht die Angst vor der Inflation, sondern standen zunächst beträchtliche ausländische Käufe auf dem deutschen Aktienmarkt. Vor allem waren es Amerikaner, die mit großen Summen auf einen weiteren deutschen Aktienboom setzten.

Sie gingen davon aus, daß die Erträge erstklassiger deutscher Aktien immer noch höher (und die Kurse entsprechend niedriger) waren als die vergleichbarer amerikanischer, schweizerischer oder französischer Papiere. Der offizielle Obergang zur Konvertibilität der wichtigsten europäischen Währungen beseitigte zudem für Ausländer die Währungsgrenzen: Wenn die Kapitalien und ihr Zinsertrag jederzeit wieder ins Ausland zurückgeführt werden können, dann besteht zwischen der D-Mark und dem Dollar kein großer Unterschied mehr. Das Währungsrisiko ist für ausländische Aktionäre verschwunden.

Inzwischen ist nun aber immer deutlicher geworden, daß die deutsche Aktienhausse nicht mehr allein auf das Einströmen ausländischer Kapitalien zurückzuführen ist. In den vergangenen Wochen nämlich setzte sich, trotz des Ausbleibens ausländischer Käufe, die Aufwärtsbewegung sogar noch beschleunigt fort.

Es gibt Börsianer, die angesichts dieser Entwicklung von einer "Dienstmädchen-Hausse" sprechen. Wie Securius, der unseren Lesern bekannte, Fachmann, glaubhaft versichert, sind dieser Tage Fälle bekanntgeworden, in denen eine Aktie nur deswegen gekauft wurde, weil ihr Kurs beispielsweise auf 80 stand. "80 und nicht 1700, das ist billig", meinten die neuen Investoren – und kauften.

Der starken Nachfrage steht jedoch in der Bundesrepublik nur ein kleines Angebot an Aktien gegenüber. Zahlreiche Unternehmen besitzen zwar große Aktienpakete, bringen sie jedoch nicht auf den Markt, weil sie die bei einem Verkauf fälligen Steuern scheuen. Angenommen, ein solches Aktienpaket sei vor vier Jahren zu einem Kurs von 100 Prozent erworben worden und würde heute zu 400 Prozent wieder verkauft, so müßte die Differenz von 300 versteuert werden. Diese Kluft zwischen einem knappen Angebot und einer verstärkten Nachfrage – die viel zitierte "Enge" des Aktienmarktes – würde auch ohne ausländisches Interesse zur Hausse führen. Ohnehin wäre die Annahme allzu spekulativ, ein wirklicher Börsenboom könne in einem Land von der Größe der Bundesrepublik ohne Beteiligung der Einwohner stattfinden.