Italienpilger des Postkutschenzeitalters, voran natürlich Goethe, hat die Brennerstraße ermuntert, poetische Worte in ihr Tagebuch zu schreiben. Sie lobten sie als "die trefflichste Kunststraße, fest, wie gegossen aus Erz, kühn durch die Felsen gesprengt"; sie besangen die "paradiesische Luft" und vernahmen hingerissen das Rauschen der Wasserfälle, die frohen Rufe der Hirten und das urweltliche Tuten des Bockshorns.

Der Italienfahrer mit 20 bis 160 Pferdestärken hat weder das Ohr noch das Auge und schon gar nicht die Zeit für solcherlei Romantik. Er sieht Kurven, Verkehrsschilder und den Tachometer. Die Luft ist vom Auspuff des Vordermanns abhängig. Und im übrigen entscheiden nur Zeit und Zahlen:

Rund 800 000 Personenautos (1954 waren es 369 000), 25 000 Omnibusse, 20 000 Lastkraftwagen und 45 000 Motorräder mit insgesamt vier Millionen Menschen haben nach amtlicher österreichischer Zählung im vergangenen Jahr den Brenner passiert. Alljährlich steigt die Verkehrsfrequenz um etwa 2 Prozent, haben Fachleute errechnet. Schon seit langem ist diese wichtige Alpenstraße, die sich von Innsbruck (574 m) zum 1374 Meter hohen Brennerpaß hinauf- und jenseits des österreichisch-italienischen Schlagbaums im Eisacktal nach Bozen (266 m) hinabschlängelt, zu einem Ärgernis für die Autotouristen geworden: Die Straße ist zu schmal, hat unzählige Kurven, listige Gefahrenstellen und enge Ortsdurchfahrten; sie ist dem gewaltig angeschwollenen Strom der Ferienreisenden nach dem Süden nicht mehr angemessen.

Nun ist in Österreich mit dem Bau einer Autobahn über den Brenner begonnen worden. Ihr Herzstück – eine 700 Meter lange und 180 Meter hohe Brücke – ist im Bau. Sie soll "Europa-Brücke" heißen und zwischen Patsch und Schönberg das tiefeingeschnittene Tal der Sill, südlich von Innsbruck, überqueren. Die neue Brenner-Autobahn wird auf ganz neuer Streckenführung die Paßhöhe erklimmen, wobei man vor allem auf gleichmäßige, geringe Steigung bedacht ist.

Auf italienischer Seite ist man natürlich noch stärker daran interessiert, daß das große Zufahrtstor Brenner möglichst weit geöffnet wird. Denn als niedrigste und absolut wintersichere Paßhöhe, die die bequemste und kürzeste Verbindung über den Alpenhauptkamm zwischen Deutschland und Italien herstellt, spielt der Brenner schon immer eine große Rolle.

In Trient wurde bereits Anfang des Jahres eine Brenner-Autobahngesellschaft gegründet und gute Vorarbeit geleistet, um den Anschluß an das österreichische Projekt zu finden. Stellenweise soll die italienische Autobahn auf Pfeilern durch das Eisacktal nach Bozen führen und etschtalabwärts an Trient und Verona vorbei bis Modena, wo sie Anschluß an das inneritalienische Autobahnnetz hat. Die Baukosten werden auf mehr als 70 Milliarden Lire geschätzt.

In Tirol werden gleichzeitig noch Entlastungsstraßen für den Brenner gebaut. Im hintersten Ötztal, bei Untergurgl, entstand bereits eine neue, sechs Meter breite Straße zum 2478 Meter hohen Timmelsjoch. Sie hat dort Anschluß an eine alte italienische Militärstraße hinab ins Passeiertal, die jetzt ebenfalls ausgebaut werden soll.