Von Martin Beheim-Schwarzbach

Eine Erzählung, das bedeutet doch wohl, daß etwas erzählt wird, nicht wahr; und daß etwas erzählt wird, bedeutet doch wohl, daß etwas bestimmtes Erzählenswertes, worunter sich der Zuhörer etwas vorstellen kann, da ist; und weiter, wenn es in Druckform, sogar in einem ganzen Buch, erzählt wird, müßte es doch wohl auch bedeuten, daß zwischen der Seitenzahl und dem Umfang des Erzählten eine gewisse natürliche Proportion herrscht.

Nun kommt mir da eine Erzählung in Buchform unter die Hände, 237 Seiten, in der berichtet wird, wie in vielen sorgsam ausziselierten Etappen von einem Manne namens Huemer seinen sorgsam vorgestellten Freunden, etwa einem halben Dutzend an der Zahl, erzählt wird, daß er sich einen neuen Mantel gekauft und nach wenigen Tagen sich denselben wieder habe stehlen lassen, ohne auf seine Wiedererlangung Wert zu legen; nicht, weil er den Mantel nicht mehr gebraucht habe, sondern weil...

Also, auf dieses Weil kommt es nun offenbar an, denn das einzig Interessante an dem ganz banalen Vorgang kann doch wohl nur der Beweggrund sein, aus dem Herr Huemer seinen Mantel, den eine Frau ihm gestohlen hat, nicht wiederhaben will. Aha, cherchez la femme, natürlich ... Aber nein, das ist es gar nicht. Die Frau ist ihm ganz gleichgültig; es ist vielmehr so, daß er innerlich... ach was, lesen Sie es nur selber nach in dem Buche

Franz Turnier: "Der Mantel"; Verlag Suhrkamp, Frankfurt am Main; 237 S., 12,80 DM.

Gewiß verstehen andere das Buch durchaus, wenn nicht der Autor selber, das ist nicht notwendig gesagt, Autoren können ja sehr seltsam sein, aber der hochrenommierte Suhrkamp-Verlag muß sich wohl irgend etwas darunter vorgestellt haben, sonst hätte er nicht sein Renommee für etwas ganz Unverständliches eingesetzt.

Hinter dem verpflichtenden Titel vermutet man unwillkürlich etwas von Gogolscher naiver Symbolkraft, Vehemenz und Spannung, aber statt dessen werden die genauen Gegenteile dieser Attribute serviert, mögen die Leser sie sich selber formulieren. Was mich betrifft, so empfinde ich das Buch als schlechtweg irrsinnig, so subtil dieKleinmalerei auch im einzelnen hingetupft ist, ein überflüssiges Stückchen nach dem andern, zwar offenbar auf ein zentrales Motiv hin, das ist nicht zu leugnen, nur daß dasselbe nicht zum Vorschein kommt, allzu gesucht, vernebelt, uneingängig und wirr (auch Humor ist keine Spur drin) ist es dargestellt.

Aber wie es so geht auf dem Buchmarkt, wundern würde ich mich nicht, wenn es eines Tages hieße ... schon In zehn Sprachen übersetzt, neuerdings auch ins Japanische... Obgleich wahrhaftig nicht einzusehen ist, warum Herr Huemer sich seinen teuren neuen Mantel nicht einfach hat wiedergeben lassen.