Nach dem mühsamen materiellen Wiederaufbau unserer westdeutschen Medizinischen Fakultäten und nach der Verjüngung ihrer Lehrkörper ist in der Tat eine Reform des medizinischen Unterrichts und der Organisation unserer Institute und Kliniken dringend notwendig. Ja, sie ist in der täglichen Kleinarbeit, im täglichen Ringen um zeitgemäßere Formen an dieser und jener Fakultät schon mitten im Gang und in verheißungsvoller Verwirklichung. So besteht die Gefahr, daß der Verfasser Ihres Aufsatzes zu spät kommt, wenn er in erster Linie von der Publizistik die "große Reform" erwartet. Ihrer Aufforderung gemäß beschränke ich mich aber im folgenden auf die Richtigstellung einiger fundamentaler Irrtümer und Entstellungen.

Die große Pionierleistung (1929) unseres deutschen Nobelpreisträgers Forßmann (1956) konnte nur im Selbstversuch ärztlich verantwortet werden. Nicht der Nobelpreis machte die deutsche akademische Wissenschaft auf Forßmann aufmerksam, sondern die deutsche Wissenschaft hob ihn fünf Jahre vor seiner großen Ehrung auf den Schild, indem sie ihm vor dem Forum der in aller Welt hoch angesehenen Deutschen Gesellschaft für Kreislaufforschung 1951 Gelegenheit gab, zur Einleitung des Kongresses, ehe die Referenten das Wort erhielten, über die Geschichte und die Bedeutung seiner Entdeckung zu sprechen. Nach ihm sprach als Referent Ulf von Euler aus Stockholm, der Stadt des Nobelpreiskomitees. Das war der Startschuß der deutschen akademischen Wissenschaft für die Ehrung von Forßmann.

Pleßners Untersuchungen (1956) über "Nachwuchsfragen" an den deutschen Hochschulen arbeiten mit höchst fragwürdiger Methode. Die Verfasserin des Kapitels "Medizin", Renate Frenzel, Diplompsychologin, ist folgendermaßen vorgegangen: "Die Interviewer waren teilweise darauf angewiesen, aus stichwortartigen Notizen den Gesprächsverlauf zu rekonstruieren" (S. 311). Dennoch sind die Wiedergaben der Aussagen der Befragten durchweg in direkter Rede gehalten, es handelt sich also teilweise, nach den Worten der Monographie, um "Rickübersetzungen" (S. 312). Diese Methode der Rückübersetzungen entwertet die zu Händen der Hochschulverwaltungen, der Hochschulen und der deutschen Öffentlichkeit geschriebene Dokumentation grundsätzlich.

Das Mitspracherecht der Nichtordinarien bestand in den Fakultäten, so auch in den Medizinischen, und im Senat schon vor 1933. Auch heute nehmen die Vertreter der Nichtordinarien mit vollem Stimmrecht, auch in Berufungsfragen, an den Sitzungen unserer Fakultät und unseres Senates teil.

Sauerbruch hat nicht nur als zürnender Examinator eines Tages auf einer Fahrt von München nach Garmisch, also in schönster Landschaft, Examenskandidaten wegen schlechter Kenntnisse auf der Landstraße abgesetzt. Er war auch der geniale Begründer der modernen Thoraxchirurgie und einer großen Chirurgenschule von internationalem Rang, die heute eine der großen Hoffnungen und Regenerationszentren der westdeutschen Medizinischen Fakultäten darstellt.

Daß der Hamburger Internist, Professor Jores, nach den Ausführungen Ihres Aufsatzes, die freie Diskussion über diagnostische Fehler im Kreise des Ärztestabes der Medizinischen Fakultät erst in Amerika entdecken mußte und sie in Deutschland für kaum vorstellbar hält, ist erstaunlich. In Freiburg zum Beispiel haben wir Woche für Woche eine zweistündige Konferenz der Direktoren und aller anderen Ärzte der Kliniken mit dem Pathologen, an der die Studenten des letzten Semesters, in diesem Sommer 150, teilnehmen. Bei diesem "jüngsten Gericht" wird über Fehler der Diagnose und der Behandlung deutsch geredet.

Es wäre zu wünschen, daß Ihr Anonymus sich auch in den Fragen der Hochschulreform uns Freiburgern mit offenem Visier zu einem offenen Gespräch und mit eigenständigen Begründungen stellte. Die Gedankengänge seines Aufsatzes kennen wir seit Jahren aus der Pleßnerschen Monographie (s. o.) und aus den Verlautbarungen des Arbeitskreises um den Heidelberger Professor Hans Schäfer. Inzwischen bemüht sich das Ausland um die Einführung deutscher Methoden (Vollverpflichtung des Ordinarius im Unterricht und in der Leitung seiner Arbeitsstätte, hierarchischer Aufbau des Arbeitskreises der Institute und Kliniken, großes Hauptkolleg, mehr Theorie).