Es Hat uns eine begreifliche Sehnsucht erfaßt nach dem, was aus der romantisierenden Perspektive des 20. Jahrhunderts als "die heile Welt" des Mittelalters erscheint. Damals, wer wollte das leugnen, waren die Universitäten "europäische" Institutionen. Die großen Gelehrten zogen von Bologna nach Paris, von Paris nach Cambridge, von Cambridge nach Prag und unterrichteten an der einen Universität wie an der anderen; Scharen von Scholaren zogen den gleichen Weg.

Die Sehnsucht mancher Leute heute verführt offenbar zu Spekulationen, die auf den umgekehrten Weg gerichtet sind: Laßt uns eine Europäische Universität schaffen, und jene heile Welt Europa wird neu erstehen.

Das ist leider Quatsch. Man schafft keinen Frühling, indem man im Herbst die Blätter grün anstreicht. Wenn man im Sommer Schnee auf eine Sprungschanze schüttet, wird es dadurch nicht Winter. Abstrakter (und damit unanfechtbarer) ausgedrückt: Ursache und Wirkung lassen sich auch im Zeitalter einer fragwürdig gewordenen Kausalität nicht einfach vertauschen.

Mit vollem Recht sagte die westdeutsche Rektorenkonferenz zu dem Vorschlag, eine "europäische Universität" zu gründen: Das ist – nein, sie sagte nicht "Quatsch", so etwas gehört sich nicht in einer hochamtlichen Stellungnahme, Sie erklärte viel dezenter das gleiche, indem sie eine solche Gründung "weder notwendig noch zweckmäßig" nannte.

Die europäische Universität des Mittelalters lebte ja doch von Voraussetzungen, die heute, einfach nicht mehr gegeben sind: einem einheitlichen Glauben (römisch-katholisch), einer einheitlichen Sprache (Lateinisch), einem einheitlichen geistigen Bewußtsein (europäisch). Inzwischen ist aber eben einiges passiert: die Reformation (und damit zum Beispiel eine Trennung der theologischen Fakultäten), die Erweiterung der artes liberales zu einer Vielzahl von Universitätsdisziplinen und Erziehungsprogrammen als Berufsgrundlagen (und damit zum Beispiel die Einführung der verschiedenen Landessprachen auch in gelehrte Arbeiten), die Entwicklung der Nationalstaaten (welche zum Beispiel "Staatsexamina" verlangen).

Und außerdem: Es wäre Unsinn, die europäische Universität des Mittelalters heute nachzuahmen, indem man eine Universität zur europäischen deklariert. Mit Recht weisen die westdeutschen Rektoren darauf hin, daß "sämtliche Hochschulen ... der wissenschaftlichen Lehre und Forschung in europäischer und übernationaler Gesinnung dienen" sollen – und daß es wahrhaftig nicht an den Hochschulen liegt, wenn in dieser Richtung noch längst nicht alles geschieht, was geschehen sollte.

Das sind keine Ausflüchte. Das ist das besonnene Urteil erfahrener Universitätslehrer und -administratoren. Wen oder was denn könnte eine solche "europäische Universität" praktisch heranbilden? Im günstigsten Falle vermittelte sie "Ferien im Ausland" für glückliche Stipendiaten mit guten Beziehungen. Im weniger günstigen Falle würde sie an die Stelle der europäischen Tradition (welche jede Landesuniversität zu ihrer eigenen machen sollte) eine europäische Bürokratie setzen und Europa-Beamte ausstoßen. Die mögen nützlich und notwendig sein. – Rechtfertigung für die Gründung einer "Europäischen Universität" sind sie nicht. Leo