Die Bauchladen-Akademiker – Seite 1

R. H. Hamburg

Auch wenn Sie eine so schöne Wohnung haben, bedeutet das nichts. Der Mensch fängt doch erst beim Akademiker an."

Eine handgeschriebene Botschaft dieses Inhalts fand kürzlich eine Hamburger Hausfrau im Briefkasten. Sie hatte sich den Zorn eines jungen Mannes zugezogen, den sie zwar freundlich hereingebeten, dem sie aber nicht die Rasierklingen abgekauft hatte, die sie nicht brauchte, und nicht die Seife, die sie nicht riechen mochte.

Freundlich war der junge Mann erschienen: "Ich bin Student und verdiene mir auf diese Weise mein Semestergeld." Er hatte lässig-liebenswürdig die kleinen Päckchen aus einer Aktentasche hervorgeholt. Worte und Gesten drückten aus: Bitte – mit Hausieren hat dies nichts zu tun. Mit einem Hausierer wäre die Hausfrau rasch fertig geworden. Der junge Herr aber kostete sie zehn Minuten. Und den Ärger mit dem Zettel.

"Siehst du", sagte sie abends zu ihrem Mann, "als ich vorigen Monat auf die Programmzeitschrift abonniert habe, die ein anderer Student an der Tür anbot, da warst du böse. Das haben wir nun davon."

"Siehst du", sagte der Ehemann, "ich habe dir neulich schon gesagt, daß nicht alle, die es zu sein behaupten, wirklich Studenten sind."

Am nächsten Morgen setzte er sich wütend ans Telephon, um der studentischen Arbeitsvermittlung einmal gründlich die Meinung zu sagen. Das machte jedoch nur halb soviel Spaß wie erwartet, denn beim Studentenwerk war man ganz seiner Meinung.

Die Bauchladen-Akademiker – Seite 2

Der Ehemann, der seiner Frau mit "ich verstehe dich nicht" begegnet war, als sie ihm den Abonnements-Sündenfall gebeichtet hatte, sprach zu dem Manne vom Studentenwerk so: "Sehen Sie, da erscheint ein Student und sagt meiner Frau, wenn er noch dieses eine Abonnement geworben habe, sei sein nächstes Semester gesichert. Sie tue also ein wirklich gutes Werk. Da konnte meine Frau doch gar nicht anders als unterschreiben."

Die Hausfrau, die da das schöne Gefühl gehabt hatte, daß nun ein Mensch dank ihrer Förderung ins Reich des Geistes eindringe, wurde durch die klare Auskunft der Arbeitsvermittlung des Studentenwerks ihrer Illusion beraubt – und für künftige Fälle gerüstet:

"Wir vermitteln hier täglich achtzig verschiedene Jobs an Studierende, die sich Geld verdienen müssen. Das Hausieren, besonders wenn in so Schamloser Weise Druck ausgeübt wird, ist unserer Meinung nach unwürdig. Wir wissen aber, daß manche Firmen jeden x-beliebigen jungen Mann als Studenten bezeichnen, weil sich das für sie auszahlt. Damit haben wir schon sehr viel Ärger gehabt. Studenten brauchen heute nicht zu betteln."

Eine Auskunft, die einleuchtet. Daß trotzdem gelegentlich Studenten, die gerade nichts Besseres fanden, an den Türen etwas verkaufen möchten, ist möglich. Aber: An ihren Ausweisen sollt ihr sie erkennen. Der akademische Mensch fängt beim Studentenausweis an.