W. G. Saarbrücken, Anfang Juli

Die Saar ist seit dem 6. Juli auch wirtschaftlich ein Teil der Bundesrepublik. Seit Montag erfolgt bei den rund 500 Wechselstellen der Geldumtausch zum Kurs von 100 ffrs. = 0,8507 DM. Dafür hat die Bundesbank rund 600 Mill. DM an die Saar gebracht. Durch die Annäherung des offiziellen Wechselkurses des französischen Francs an seinen wirklichen Außenwert wird die Währungsumstellung an der Saar wesentlich erleichtert. Frankreich erhält entschädigungslos 40 Mrd. ffrs. sowie die 1947 der Saar gewährten Vorschüsse über 28 Mrd. ffrs. zurückerstattet.

Die Saarbevölkerung empfindet die Rückkehr als ein großes Glück, sagte der saarländische Ministerpräsident. Dennoch vollzog sich der Akt der Wiedervereinigung rasch und ohne den beispiellosen Begeisterungstaumel, der das Land am Tage der politischen Eingliederung erfaßt hatte. Die Saarländer sind nüchterne Rechner, sie wollen sehen, wie es sich im DM-Raum leben läßt, zumal man im französischen Wirtschaftsbereich bei anhaltend guter Beschäftigung und dem gleichzeitigen Zufluß einer beträchtlichen Bundeshilfe einen guten Lebensstandard erreicht hatte.

Vieles deutet darauf hin, daß die Vollbeschäftigung im wesentlichen erhalten bleibt; die Bundesrepublik hat sich bereit erklärt, alle bei der Neuorientierung entstehenden wirtschaftlichen Härten auszugleichen. Das nimmt den Sorgen der Betriebe und Arbeitnehmer viel an Gewicht. Auch die Preise werden sich in absehbarer Zeit eingependelt haben. Theoretisch sollte das Saarland künftighin eigentlich das niedrigste Preisniveau im Bundesgebiet haben, wenn die Produzenten und Händler die Vergünstigungen weitergeben, die ihnen vom Fiskus und durch die Sonderregelung des französisch-saarländischen Warenaustausches (der von Zoll und Mehrwertsteuer befreit ist) eingeräumt werden. Indessen bleibt abzuwarten, wie die Praxis aussehen wird... So haben die Produzenten in Frankreich bereits vielfach durchblicken lassen, daß sie Zollvorteile teilweise für sich beanspruchen wollen.

Die verarbeitende Saarindustrie sieht diese französische Tendenz ungern, da sie den zollfreien Warenaustausch zwischen beiden Ländern empfindlich stören könnte. Wenn die französischen Lieferungen an der Saar (1,5 Mrd. DM jährlich) um mehr als ein Viertel zurückgehen, müßte auch der lebenswichtige Absatz der Saarindustrie in Frankreich (rund 100 Mrd. ffrs. jährlich) gekürzt werdet. In der vollen Weitergabe der Zollbefreiung würde dagegen die Chance liegen, daß der Warenaustausch wie vorgesehen funktioniert.

Die saarländischen Geschäfte haben vielfach bereits am Samstag ihre Waren in DM ausgezeichnet. Die Bevölkerung scheint sich mit Käufen zunächst noch zurückzuhalten. Man prüft Qualität und Preise der angebotenen französischen, deutschen und saarländischen Erzeugnisse. Viele Geschäfte haben sich zweifellos bemüht, über eine strenge Kalkulation annehmbare Preise festzusetzen. Andere Kaufleute haben offensichtlich über den Daumen gepeilt und verlangen höhere Preise als im Bundesgebiet, obwohl die auf den französischen und importierten deutschen Waren lastenden Mehrwertsteuern bzw. Zölle vom Staat voll zurückerstattet werden. Oft gewinnt man auch den Eindruck, daß "der Einfachheit halber" vom alten Franc-Preis einfach 2 Nullen gestrichen wurden. Alles in allem scheint das saarländische Preisniveau gegenwärtig noch etwas überhöht.