In Berlin haben die Sowjets schon manches "abgeknabbert"

Keinen Fußbreit zurückweichen – das ist die westliche Konferenzparole in der Berlinfrage. An der Entschlossenheit der Westmächte ist nicht zu zweifeln. Welche Erfahrungen sie in den letzten Jahren in Berlin mit Kompromissen schon machen mußten, schildert der folgende Artikel.

Wiewichtig es ist, den Forderungen des sowjetischenWidersachers gegenüber hart zu bleiben und wie wirklichkeitsfern jenes Wunschdenken ist, das glaubt, man könne die Herren im Kreml durch beständiges Nachgeben bei guter Laune halten, das zeigt ein Rückblick auf die "Grenzkorrekturen" in und um Berlin seit 1949. Die westlichen Schutzmächte haben hier um des lieben Friedens willen mehr als einmal nachgegeben, wenn die Sowjets immer wieder neue Landstriche in den Grenzen der Westsektoren forderten.

Die 1945 von den Westmächten im Überschwang des gemeinsamen Sieges ebenso sorglos wie ungenau fixierten Verträge über die Grenzen der Sektoren wurden den Schutzmächten von den Sowjets immer dann präsentiert, wenn man sich eine Chance ausgerechnet hatte, wieder einmal einen kleineren oder größeren Streifen Landes von Westberlin abtrennen zu können. Dabei ging es oft keineswegs nur um ein paar Morgen Ackerland oder eineStraße mit Häusern und "Produktionsmitteln".

Im Falle von West-Staaken, einem Gebiet von etlichen Quadratkilometern Größe, das 1951 plötzlich zum Ausgleich für den schon 1945 den Engländern überlassenen Flugplatz Gatow von sowjetischen Soldaten und "Volkspolizisten" besetzt wurde, gerieten mehr als 5000 Menschen, die sich soeben in den Wahlen zum Abgeordnetenhaus für den Westen erklärt hatten, von heute auf morgen unter die rote Herrschaft. Der Spandauer Bürgermeister, in dessen Verwaltungsbezirk der gesamte Ortsteil Staaken liegt, sprach von einer vorübergehenden Unrechtsmaßnahme und forderte die betroffenen Einwohner zum Aushalten auf.

Der britische Stadtkommandant protestierte denn auch wiederholt bei den Sowjets und – resignierteschließlich, nachdem ihm von seinem Kollegen in Karlshorst ein Schriftstück gezeigt worden war, auf dem der Tausch des westliches Teiles von Staaten gegen den Gatower Flugplatz vor sechs Jahren vereinbart worden war.

Nun gehört aber Staaken ebenso zu Groß-Berlin wie Charlottenburg, Neukölln oder Köpenick; man konnte es daher nicht dem Gebiet der Zone zuschlagen, sondern nur dem Ostsektor Berlins – obwohl der annektierte Teil Staakens am westlichen Stadtrand liegt.