GK, Wörth a.d. Donau

Alarm! Die Möbelwagen sind da!" riefen die Späher in den Sitzungssaal. Die Stadträte von Wörth an der Donau stürmten aus dem Rathaus und hinüber zum Amtsgerichtsgebäude. Als die Lastwagen vorfuhren, hatten die Stadtrate den Ausgang des Gebäudes besetzt, und sie drohten, daß sie mittels Sirenen die Bevölkerung der rund 2000 Einwohner zählenden Stadt zu Hilfe rufen würden, falls auch nur ein Stuhl abtransportiert würde. Das Räumungskommando fuhr unverrichteterdinge wieder ab.

Das ereignete sich am 27. Juni, und es geschah im Zeichen der Verwaltungsvereinfachung. In Wörth erlebte dieses Programm, mit dem sich seit Jahren abwechselnd der Bayerische Landtag, Sonderausschüsse, einzelne Abgeordnete und Gutachter mehr oder weniger ergebnislos herumgeschlagen hatten, seinen ersten Zusammenprall mit der Wirklichkeit.

Die Amtsgerichtsstelle Wörth gehört nämlich zu jenen 28 Zweigstellen, deren Auflösung der bayerische Justizminister Dr. Albrecht Haas (FDP) kürzlich zur großen Überraschung seiner Koalitionspartner angeordnet hatte. Haas wollte endlich einen praktischen Schritt in der Verwaltungsvereinfachung tun und packte dieses heiße Eisen mit erstaunlicher Unvoreingenommenheit an.

Als nun in Worth drei Tage später der Staatliche Möbelwagen zum zweitenmal einfuhr, hatten die renitenten Bewohner mit Planierraupen, Traktoren, Lastautos und Leiterwagen einen Schutzwall vor dem Amtsgerichtsgebäude gebildet. Aber es half ihnen nichts. Ein starkes Polizeiaufgebot drang bis zum Hintereingang vor und verlud Akten und Mobiliar. Das Gericht ist futsch, und den Wortkern wird obendrein Angst gemacht mit dem Hinweis, man werde im Justizministerium ihre Protestaktionen eingehend prüfen; es wäre möglich, daß ihr Verhalten Anlaß zu einem gerichtlichen Nachspiel geben könnte.

Die wackeren Wörther ließen sich jedoch nicht einschüchtern, wiewohl ihr weiterer Widerstand nur noch moralische Bedeutung haben konnte. In den folgenden Tagen traten. Bürgermeister Hans Baumann und die neun Stadträte aus Protest gegen die Auflösung des Amtsgerichts geschlossen zurück. Sämtliche Fahnen, die aus Anlaß der 14 Tage dauernden Schloßfestspiele gehißt wurden, wehten mit Trauerflor. Der Ortsverband der CSU trat ebenfalls zurück. Sämtliche Gemeinden des Wörther Gerichtsbezirks versicherten der Stadtverwaltung und Bürgerschaft von Wörth ihre "Unterstützung und Solidarität".

Die Wörther haben im Grunde gar nichts gegen eine Verwaltungsvereinfachung. Sie sind nur darüber böse, daß man ausgerechnet bei ihnen damit begonnen hat, in einer Stadt, deren Gericht doch schon vor über 500 Jahren zum erstenmal urkundlich erwähnt worden ist. In den Ministerien und Regierungsämtern im "Wasserkopf" München – dort sollte man anfangen, meinen die Wörther, und nicht auf dem Land und in den Kleinstädten.