J. M., Wien, Anfang Juli

Eine Woche lang hat man sich in Wien kaum noch über die Regierungsbildung unterhalten. Alle Gespräche wurden von der Frage beherrscht: "Hat er es getan? Wird er verurteilt werden?" Und oft genug wurde hinzugefügt "Was sagen Sie zu unserer Polizei? Ist das nicht eine Blamage?"

Im Blickpunkt stand ein schmächtiger Mann namens Gassner – ein Mann mit schütterem Haar, flackernden Augen und recht durchschnittlichen Zügen. Hat er es getan?

An einem trüben Herbsttag des Vorjahres wurde ein junges, schönes Mädchen, mit dem Namen Mona Faber hinter dem "Hochstrahlbrunnen" in der Nähe des Schwarzenbergplatzes ermordet. Erst am nächsten Tag fand die Polizei den nackten Körper des Opfers.

War schon das Verbrechen geeignet, Aufsehen zu erregen, so wurde dieses Aufsehen durch die Tatsache noch sehr verstärkt, daß es beim Hochstrahlbrunnen geschehen war. Jeder Wiener kennt den Hochstrahlbrunnen: Vorn liegt der Schwarzenbergplatz, dahinter das Palais Schwarzenberg, der kleine Park verbindet wie eine Drehscheibe das Diplomatenviertel des III. mit dem Patrizierviertel des IV. Bezirkes.

Dort also wurde die unglückliche Mona Faber ermordet. Gassner wurde aufgegriffen, als er sich in der Nähe herumtrieb. Er wurde verhört und – freigelassen. Sehr viel später wurde er nochmals verhaftet und – angeklagt.

Hier schon setzt die Kritik an der Polizei ein. Warum hat man ihn zunächst so schnell wieder freigelassen? Warum hat man beispielsweise nicht einmal überprüft, ob unter seinen Fingernägeln Spuren jener Erde zu entdecken waren, in die das Mädchen eingegraben worden war?