Von Heinrich David

Saarbrücken, Anfang Juli

Am Tage X minus eins, am letzten Sonntag, kletterte Saar-Ministerpräsident Dr. Franz Josef Röder um 23,56 Uhr auf den Schlagbaum bei Eichelscheid (Kreis Homburg) und hielt Ausschau nach der Gruppe von französischen Zöllnern, denen er für die Milde und Nachsicht danken wollte, die sie in den vergangenen zweieinhalb Jahren geübt haben. Die Beamten standen hoffnungslos eingekeilt in einer riesigen Menschenmenge, der das saarländische Polizeiaufgebot nicht gewachsen war. Schon vom Zeitpunkt X minus 40 Minuten an stockte daher an diesem wichtigsten Übergang vom deutschen ins französische Zollgebiet der Verkehr in beiden Richtungen.

Eine Viertelstunde, nachdem der mitternächtliche Jubel verrauscht war, Ministerpräsident Röder den französischen Zöllnern schließlich ein herzliches Lebewohl zugerufen hatte, und der eiserne Schlagbaum demontiert war, verschwanden auf der Bahnstrecke Kaiserslautern-Saarbrücken die Schlußlichter eines Güterzuges. Er hatte fabrikneue Volkswagen geladen. Über die Bundesstraße bei Vogelbach-Eichelscheid rollten derweil hundert gleichfalls fabrikneue Opel-Modelle nach Westen.

Dann folgte als erster Lastwagen einer kilometerlangen Kolonne das Fahrzeug eines Berliner Spediteurs, dahinter fünf Lastzüge mit Fernsehgeräten, sieben Tankzüge, zwölf Tonnen holländisches Obst, zwei Lastwagen Damenstrümpfe aus Pinneberg, vier Käsetransporte aus Bayern und Oldenburg, Nudeln aus Hessen, Uhren aus Würzburg, an die hundert Tonnen Kameras und Radioapparate, sechs Lastwagen eines einzigen Saarbrücker Textilgeschäftes.

"Glauben Sie, daß alle diese neuen Autos schon in den nächsten Tagen gekauft werden?" fragte ein Schweizer Journalist den neben ihm stehenden Saargrenzer. "Die sind alle seit Monaten verkauft", antwortete der Mann...

Am Tage X minus eins wurde hinter verschlossenen Ladentüren fieberhaft gearbeitet. Kaufhäuser und Textilgeschäfte konnten sich nicht darauf beschränken, die Preisschildchen umzustecken; ein völlig neues Warensortiment mußte ins Fenster. Die Lebensmittelgeschäfte in Saarbrücken konnten sich mehr Zeit lassen: Nicht nur Kaffee und französischer Kognak, sondern auch Zucker waren in der "Frankenzeit" billiger. Daher hatten sich die Hausfrauen reichlich eingedeckt. Die Inhaber dieser Geschäfte werden in den nächsten Wochen also nicht so viel deutsches Geld in ihren Kassen vorfinden, wie sie es sich wohl wünschen.