Nach 27 Jahren Amerika ist George Grosz, der geborene Berliner, nach Berlin zurückgekommen und hier, kaum daß er seine Koffer ausgepackt hatte, gestorben. Ein Remigrantenschicksal – ähnlich wie bei dem Dichter Albrecht Schaeffer und dem Kritiker Alfred Kerr.

Mit ungewöhnlicher Lautstärke, mit Leitartikeln in der Tagespresse, mit der Verleihung der Goldenen Medaille durch die "American Academy of Arts and Letters", die gleichzeitig mit ihm Aldous Huxley und Arthur Miller erhielten, haben die Amerikaner Ende Mai den scheidenden Künstler gefeiert. Daß er ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt nach Berlin ging, hat ihnen imponiert. Auf die Frage, wie er sich sein Leben in Berlin vorstelle, antwortete er wörtlich: "Ich will wie ein japanischer Künstler leben, mit einer hohen Leiter, die ich hochziehen kann, wenn ich nicht gestört sein will, und natürlich mit einer Flasche Reisschnaps."

Er hat das amerikanische Publikum mit Vergnügen schockiert – aber nicht, wie er das früher gegenüber seinen deutschen Landsleuten getan hatte, durch seine Kunst, sondern durch seinen Lebensstil und durch bizarre und paradoxe Aussprüche. Denn seine Kunst, diese gefährliche, angriffsfreudige Waffe, mit der er erbarmungslos und zynisch gegen soziale und moralische Mißstände der Zeit nach dem ersten Weltkrieg zu Felde zog, ist drüben in den Staaten merkwürdig zahm geworden und in einen idyllischen und manchmal etwas faden Realismus geraten.

Und sicherlich hat sich George Grosz von seiner Rückkehr nach Berlin, wo er seine großen kämpferischen Jahre erlebt hatte, eine Art von künstlerischem come back versprochen, weil es an Ansatzpunkten zur Zeitkritik in Berlin 1959 und im satten, selbstzufriedenen, geteilten Deutschland nicht gefehlt hätte. Nun wird man sich an den frühen Grosz halten müssen, an seine grandiosen und bösen Zyklen "Spießerspiegel", "Ecce Homo", "Über alles die Liebe".

Daß seine Größe und Bestimmung im Neinsagen lag, hat er selber am besten gewußt. "Ein kleines ja und ein großes Nein" nannte er seine (im Rowohlt Verlag erschienene) Selbstbiographie, dies Dokument einer außerordentlichen und aggressiven Existenz, dessen wichtigste Abschnitte in der ZEIT erschienen sind. Gottfried Sello