Es leuchtet nicht ein, – wem zuliebe eigentlich die Dramen der großen hellenischen Tragiker "für das Theater der Gegenwart gerettet" zu werden nötig haben. Bisher haben sie noch immer ihre Wirkung getan, wo immer sie mit zureichenden Mitteln auf die Bühne gebracht wurden. Und Alltagskost, "Repertoirestücke" sind sie auch im alten Griechenland nie gewesen, wollten und sollten sie niemals sein. Wozu also hat sich Ezra Pound die Mühe gemacht, die "Trachierinnen" des Sophokles in "unsere Alltagssprache" zu übertragen? So wenigstens wird’s behauptet. Wenn man jedoch der Versicherung der Übersetzerin und Funkbearbeiterin, Eva Hesse, unterstellen darf, daß sie sich in Sinngebung und Tonfall getreu an die Poundsche Fassung gehalten hat – ich wenigstens möchte es ablehnen, diesen Gossen- und Gassenjargon als "meine Alltagssprache" zu akzeptieren. Eine andere Frage: Ob wirklich an einem hellenischen Fürstenhofe, dessen Oberhaupt obendrein ein Halbgott war, ein derart ordinärer Slang im Schwange gewesen ist?

Das überflüssige Experiment ist auch im übrigen mißlungen. Denn wenn die kesse, saloppe, proletige Redeweise bisweilen sogar dem Chor aufoktroyiert worden ist, so ließ sich das doch nicht konsequent durchführen, und so stehen denn völlig sinnwidrige Partien erhabener, gehobener Dichtersprache jenen vorherrschenden anderen gegenüber – was eine geradezu groteske, überwiegend lächerliche, oft zwerchfellerschütternd komische Wirkung macht. So wird denn die großartig-grausige Geschichte des Herakles und seiner Todesqual im Nessusgewande zu einer Farce, die als bewußte Parodie, als frecher "Faz" vielleicht eben noch tragbar gewesen wäre.

Den originellen Dichter Pound in Ehren – aber hier hat er sich von (vielleicht unbewußter) Sensationslust zu einer Torheit hinreißen lassen, die seinem Urteilsvermögen kein glänzendes Zeugnis ausstellt. "Vor soviel Elend sackt ab der Verstand!" Das ist eines von vielen Zitaten, und noch lange nicht das lächerlichste. Aber es paßt vor allem auf den Zustand des Hörers nach. Absolvierung dieser Sonderprogrammsendung des Bayerischen Rundfunks. Walter Abendroth

"Lichter und Schatten" ist der zusammenfassende Titel für zwei Hörspiele ("Der Leuchtturm" und "Der Abgrund") des jugoslawischen Autors Djordje Lebovic, den der Bayerische Rundfunk in seiner Reihe der Originalhörspiele vorstellte. Lebovic, ein hervorragender Dramatiker seines Lances, hat für diese Stücke auf dem "Hörspielfestival 1959" in Novidad den ersten Preis erhalten.

An der deutschen Übertragung von Willy Minaschek und an der Regie von Heinz Günther Stamm wird es kaum liegen, daß man nach dieser Erstsendung den jungen Dichter "so hoch unmöglich schätzen" kann. Gewiß, die beiden Stücken gemeinsame Idee, daß der durch Schicksalsschläge auf sich selbst zurückgeworfene, in ausweglos scheinende Egozentrik verkapselte Mensch sich zu retten vermag, indem er – nicht in vorbedachter Absicht, sondern aus spontanem .Impuls – eine radikal selbstlose Handlung begeht, bezeugt eine respektable humanitäre Haltung – aber das ist noch keine dramatische Qualifikation.

Im "Leuchtturm" gibt es immerhin noch einen Ansatzpunkt: der Kampf der zwei vom Orkan eingeschlossenen Männer, die vor die Wahl gesollt sind, ein verirrtes Schiff durch dasselbe Signal in den sicheren Hafen zu leiten, durch das sie sich selbst die Rettung abschneiden – dieser Kampf der beiden miteinander und mit sich selbst, ist dichterisch und speziell dramaturgisch wirklich ausgetragen. Die vorausgegangenen Dialoge jedoch verlieren sich vielfach ebenso hoffnungslos in tiefsinnig sein wollende Platitüden, wie sie vollends den beinahe einzigen Inhalt des "Abgrunds" bilden, jener jeder dramatischen Anschaulichkeit entbehrenden Geschichte eines Mannes, der sich aus Menschenhaß in ein Erdloch vergraben hat, aus welchem ihn kein Zureden mehr herauszulocken vermag – nur am Ende der vor seine Nase gerollte Ball eines arglos spielenden Kindes. w.-th.