Von Armin Mohler

Paris, im Juli

Für das innenpolitische Gleichgewicht Frankreichs ist heute nichts bedrohlicher als dies: de Gaulle und der Gaullismus sind nicht identisch. Es ist nun einmal so, daß der Gaullismus rechts von de Gaulle steht. Und er steht heute schon so weit rechts, daß in seinem heterogenen Lager jene Strömung immer stärker wird, die notfalls auch für einen "Gaullismus ohne de Gaulle" zu haben wäre. Notfalls heißt dabei: wenn der General nicht davon abläßt, mit einer "liberalen" Politik in Algerien zu liebäugeln und die in die beiden Häuser des Parlamentes eingezogenen Algerier zum Widerstand gegen die starren Verfechter des Status quo in Algerien zu ermuntern.

Das kleine Grüppchen der Linksgaullisten – Offiziere ohne Truppen – hat zwar versucht, das Gleichgewicht wiederherzustellen. Im April hat es die UDT (Union Democratique du Travail) gegründet, damit es auch links vom General Gaullisten gebe. Rückhalt im Volke haben diese Leute, meist Veteranen der Résistance, jedoch nicht – denn wer bei den Kammerwahlen nicht die rechtsgaullistische UNR (Union für die Neue Republik) wählte, blieb doch lieber den alten Parteien treu, als sich für den unklaren Reformismus der Linksgaullisten zu erwärmen. Daher blieb ihnen nicht anderes übrig, als sich durch ihre persönlichen Beziehungen, die auf den Krieg zurückgehen, Positionen in den Büros der Umgebung des Generals zu sichern.

Als die Linksgaullisten dann im April mit der UDT doch wieder an die Öffentlichkeit traten, taten sie das angeblich, weil de Gaulle ihnen seine moralische Unterstützung vor der Öffentlichkeit versprochen habe. Aber die erhoffte Unterstützung blieb aus – insbesondere die Betreuung des für seinen Widerstand gegen militärische Unfähigkeiten und gegen Unmenschlichkeiten im Algerienfeldzug rühmlich bekannten Generals de Bollardière mit einem Kommando in Algerien. So sind denn elf Mitglieder des Direktionskomitees mit Krach zurückgetreten und haben erklärt, es habe keinen Sinn, die Fiktion eines "linken Gaullismus" aufrechtzuerhalten. De Gaulles pathetische Passivität komme vor allem den rechtsradikalen Gruppen zugute, die schon lange systematisch darauf hinarbeiteten, unter gaullistischer Flagge alle wesentlichen Stellungen der Fünften Republik zu besetzen.

Jene Kräfte sind übrigens – ermutigt durch de Gaulles Politik der "Nichteinmischung" – bei den Mehrheitsgaullisten "rechts von de Gaulle", bei der UNR, schon offen in Aktion getreten. Während der bedeutendste Vertreter des rechtsradikalen Gaullismus (und der bedeutendste Kopf des Gaullismus überhaupt), Jacques Soustelle, sich noch vorsichtig zurückhält, ist der stürmische andere Exponent dieser Strömung, Léon Delbecque, bereits vorgeprellt. Dieser Mann, der es auf sein Konto buchen kann, den Algier-Putsch vom 13. Mai 1958 in gaullistische Bahnen gelenkt zu haben, hat seine Kandidatur auf die Nachfolge Albin Chalandons als Generalsekretär der UNR offen angemeldet.

Dabei ist weniger wichtig, ob es Delbecque auf dem Parteikongreß der UNR vom Herbst gelingen wird oder nicht, Chalandons – den Exponenten der unbedingten de Gaulle-Treue – zu stürzen. Wesentlicher ist, welcher Waffen sich Delbecque bei seinen Angriffen bedient. Chalandon ist ja der wesentlichste Vertreter der Hochfinanz und des Großunternehmertums im Gaullismus – der Vertreter der Kräfte also, von denen man weiß, daß sie einer Zuerkennung weitgehender Unabhängigkeit an Algerien nicht abgeneigt wären. Gegen ihn aber hat Delbecque alle Kräfte jenes kleinbürgerlichen Nationalismus mobilisiert, der seit jeher sich an den Status quo in Afrika klammert.