Von Johannes Jacobi

Deklamation und Pathos sind seit dem Einbruch des Naturalismus in das Theater zu Schimpfwörtern geworden. Als künstlerisches Ideal ist der Naturalismus selber inzwischen überwunden worden. Wer "deklamiert" oder "pathetisch" spricht, gilt aber weiterhin als schlechter Schauspieler. Gutes Sprechen wird zwar auf den Bühnen wieder gewünscht, aber wie? Und woran erkennt man, ob eine Rolle gut gesprochen, ob sie darüberhinaus stilistisch richtig "deklamiert", das heißt kunstgerecht vorgetragen sei?

Verse werden heute oft durch willkürliche Betonungen "aufgebrochen", und die Reden von Schillers Franz Moor klingen, als ob diese "Kanaille" ein Schuft aus Gerhart Hauptmanns "Ratten" sei. Goethe-Verse, wie der Gesang der Erzengel "Die Sonne tönt nach alter Weise...", viele Stellen aus "Faust II" und Schillers "Braut von Messina" machen jeder Zeit, die auf solche Werke nicht verzichten will, die immer neue Auseinandersetzung mit der monumentalen Poesie der Griechen zur Pflicht.

Außerdem ist zum Beispiel in Schillers Dramen das Sprechtempo festgelegt, und zwar durch den Satzbau und den Jambenfluß, der – wird er in seiner notwendigen Schnelligkeit und in den Proportionen zwischen Empfindung und Klangstärke willkürlich verändert – sich unverzüglich durch "Rattern" rächt.

Der Erfüllung solcher Stilansprüche steht eine seit Jahrzehnten unzulängliche sprechtechnische Ausbildung des Schauspielernachwuchses entgegen. Dieser Mangel dürfte nicht nur eine Nachwirkung naturalistischer Kunstanschauungen sein – sie erfahren durch den Import des augenblicklich modernen, amerikanischen Realismus im Theater frischen Auftrieb –, auch die gänzlich anderen Ansprüche von Film, Funk und Fernsehen an das Sprechvermögen der Darsteller wirken hemmend. Es gibt Bühnenschauspieler, die sich ernsthaft gegen sprecherische Nachhilfe sträuben, weil sie fürchten, sie könnten fürs Mikrophon verdorben werden.

Um die gegenwärtige Unsicherheit, die aus Unvermögen und Unverständnis gemischt ist, vollständig zu machen, werden Sprecher, die den Text von Klassikern richtig und gut vortragen können, als "Deklamatoren " verfemt. Damit wir uns nicht mißverstehen: Es soll mit diesen Betrachtungen nicht etwa jenen "alten Barden" Vorschub geleistet werden, die sich auf ihre "Rhetorik" verlassen, deren "Pathos", weil es nur Mundwerk ist, hohl klingt. Das mögen einige jüngste Beispiele verdeutlichen.

Ein Prüfstein für Sprecher ist die romanische Stiftsruine in Bad Hersfeld. Dort finden jetzt zum neunten Male Festspiele statt. Von William Dieterle betont optisch inszeniert, gibt es dort unter anderem den ersten Teil von Goethes "Faust" zu sehen, Den Mephisto spielt Heinz Moog vom Wiener Burgtheater. Er, der von Saladin Schmitts Bochumer Stil geprägt ist, besitzt ohne Zweifel das kraftvolle, auch der Nuancen fähige Organ, mit dem in diesem akustisch zwar verhältnismäßig günstigen, aber doch riesenhaften Freiluftraum ein differenzierter Mephisto möglich wäre. Diesem Schauspieler fehlt nicht so sehr das sprecherische, als vielmehr das geistige Volumen.