Der nette Goldjunge des deutschen Films,Hardy Krüger, als Hamlet? Auf den ersten Blick eine abenteuerliche Idee. Aber Krüger spielt in Helmut Käutners "Der Rest ist Schweigen" eine Rolle, die um Oscar-Länge über allem steht, was er bisher zeigte. Gutes Handwerk, erstklassige Maßarbeit, das darf man von Käutner immer erwarten. Aber wie er hier aus Ingrid Andree eine Ophelia mitten im Ruhrgebiet unserer Tage macht, wie er den Wahnsinn und die Liebe unseres Jahrhunderts in dieser Nebenrolle beklemmend wirklich werden läßt, das ist mehr als gute Leistung, das ist erschütternd.

Der neue Käutner-Film ist umstritten. Selten scheiden sich die Geister vor einem Produkt der Filmindustrie so extrem. Das geschieht sonst eher bei einem revolutionären Werk der Literatur, der Kunst. Aber "Der Rest ist Schweigen" ist ja genau das: ein. literarisches, ein Kunstwerk von Rang. Ist es revolutionär? Nicht eigentlich im Dialog, nicht in der reißerisch-kinohaften Handlung, nicht in der Bildführung. All dies ist souverän, erstklassig, mustergültig gearbeitet; die unheimlich nahen, poetisch eindringlichen Bilder vom heutigen Ruhrgebiet und von den Menschen dieses aktuellen Hamletstoffes schuf der Regisseur zusammen mit der Kamera Igor Oberbergs.

Revolutionär wirkt allerdings der bisher in einem deutschen Film noch nie so geglückte magische Realismus der Konzeption und ihrer Ausführung. Käutners neues Werk ist aus einem Guß. Mit dem philologischen Storchschnabel verfehlt man es ganz und gar; es will und soll nicht am tiefsten und geistigsten Drama der Weltgeschichte gemessen werden. Die Hamlet-Parallelen mögen interessant sein, mißlungen oder gelungen, Käutner selbst fordert sie heraus – das ist unerheblich für einen Zuschauer, der unvoreingenommen seinen Sinn öffnet für das Schaudern, das auch in unseren Tagen noch "der Menschheit bestes Teil" ist. Wir begegnen in diesem Film so überzeugend wie noch nie dem Filmautor, dem Schriftsteller Helmut Käutner. Er hat ein völlig neues Stück geschrieben, das sich in der Gestalt, die der Regisseur Käutner ihm gab, sehen lassen kann neben den besten künstlerischen Arbeiten Europas und der Vereinigten Staaten zum Thema der "Situation des Menschen im Zeitalter der Angst". Dieses Zeitalter will aus Furcht vor der Wahrheit den unerschrockenen, den wirklich realistischen Zeitgenossen in die Nervenheilanstalt sperren: Hamlet in unseren Tagen. Aber "die Welt ist aus den Fugen", die sich in ihrem totalitären Materialismus, in ihrer Angst-Neurose, zum Brudermord entschließt.

In diesem Film werden wir jenseits rationaler und ästhetischer Kategorien immer wieder für beklemmende Augenblicke konfrontiert mit dem Medusenhaupt unserer "unbewältigten Vergangenheit"; Käutner gelang es mit beklemmend sicherem Griff, uns den so vertrauten Ausweg in die Überkompensation einer "sicheren Zukunft" für anderthalb Stunden zu versperren. "Safety first" ist doch im Grunde der politische, der geistige, der menschlich-allzumenschliche Kurs des westlichen Deutschlands dieser Jahre. Käutner reißt den üppigen Vorhang aus dem wunderlichen Gewebe von Sicherheitspathos und neuer Wohlanständigkeit beiseite, und dahinter starren wir auf die unverputzte Wand der Angst in uns und um uns und wissen plötzlich wieder, was uns die Stunde wirklich geschlagen hat.

Das ist unbequem, das ist schockierend, das ist revolutionär. Das mag mit Hamlet so viel oder so wenig zu tun haben, wie es will. Das vergißt niemand wieder, der es sah. Das steht einsam und hart im Strom der Bilder dieser Filmfestspiele. Das hat eine Größe, für die der Maßstab des Erfolges zu klein ist. Thilo Koch