Was sich auf den deutschen Aktienmärkten in der ersten Hälfte dieses Jahres abgespielt hat, zeigt sehr deutlich unser Börsenbarometei, das im übrigen eher unter- als übertreibt. Es hält nämlich nur die Durchschnittskurse fest, berücksichtigt also nicht die Dividendenabschläge (sie waren in diesem Jahre nicht gering) sowie die Bezugsrechtabschläge, die allerdings bislang eine weniger große Bedeutung hatten. Immerhin, werden sie addiert, dann würde unser Barometer noch um einige Punkte höher stehen.

Der ungewöhnliche Anstieg des Barometers war nur möglich, weil nahezu sämtliche deutschet Aktien kräftige Kursgewinne zu verzeichnen hatten. Es erfolgte also eine Neubewertung des Aktienbesitzes‚ dabei orientierte man sich im wesentlichen an internationalen Maßstäben, ohne allerdings – und es muß immer wieder hervorgehoben werden – in jedem Falle den tatsächlichen "Qualitätsunterschieden" zwischen erstklassigen ausländischen Gesellschaften und deutschen Firmen Rechnung zu tragen. Besonders in der vergangenen Woche sind Papiere gestiegen, die es weder von der Substanz noch vom Ertrag oder der Geschäftslage her verdienten.

Dabei ist der Fall BMW noch gar nicht einmal am unbegreiflichsten. "Die BMW-Aktie stieg ruckartig von 140 auf 220 v. H., ohne daß in der Geschäftslage hierfür ein Grund zu finden ist. Die langjährigen Bilanzverluste rufen sogar nach einer Sanierung, in derem Gefolge ein Kapitalschnitt marschieren kann. Der große Rüstungsauftrag kann nichts an dieser Tatsache ändern, denn er ging an eine streng abgetrennte BMW-Tochter. Der eventuell daraus erwachsene finanzielle Nutzen kommt also der Mutter nicht unmittelbar zugute. Aber das war auch nicht der Hausse-Grund. Man spekulierte vielmehr auf Majoritätskäufe, die nach Lage der Dinge immerhin möglich sind. Welche Gruppe sich für BMW interessiert, ist nicht bekannt. Überall wird dementiert. Aber die Börse schenkt Dementis kaum noch Glauben; sie ist zu oft auf diese Weise hinters Licht geführt worden. Es ist deshalb verständlich, wenn einige Leute bei den BMW-Aktien noch spekulative Chancen sehen. Ob das allerdings richtig ist, steht auf einem anderen Blatt.

Unsere Tabelle über die Kursentwicklung im ersten Halbjahr 1959 zeigt, daß auch die Montan-Aktien an. der Aufwärtsbewegung teilgenommen haben. Wenn man jedoch mit Verwaltungsangehörigen der Eisen- und Stahlindustrie spricht, dann kommt man um die Feststellung nicht herum, daß die Börse eine Entwicklung vorwegnimmt, die hundertprozentig nicht einzutreffen braucht. Bei der Eisen- und Stahlindustrie geht es zwar erfreulich voran, doch es ist noch keineswegs sicher, daß sie alle Klippen bereits überwunden hat. Argumente dieser Art bereits jedoch nicht, wenn die jetzige Kursbewegung mit der "wertvollen Substanz" begründet wird, die der allen Montan-Gesellschaften in den Nachkriegsjahren geschaffen werden konnte. Wenn die Werke aber nicht voll beschäftigt sind, verliert die Substanz, schnell ihren Wert. Deshalb sollte man nach wie vor die Rendite nicht ganz aus den Augen lassen. Daß dabei viele Montanwerte nicht schlecht abschneiden, läßt sich schnell belegen. Bei den Mannesmann-Aktien liegt die Rendite trotz der Kurssteigerungen der letzten Wochen immer noch bei 3,8 v. H., ein Satz, der heute nicht mehr sehr häufig ist. Kurt Wendt