Von Paul Hühnerfeld

Fünf Jahre ist es jetzt her, daß die junge Erzählerin Nadine Gordimer mit ihrem Roman „Entzauberung“ in Deutschland einen literarischen Erfolg hatte. Die Leser des Buches waren beeindruckt von dem spröden Charme, mit dem die Südafrikanerin die Geschichte eines jungen weißen Mädchens von der Südspitze des Schwarzen Kontinents erzählt. Jetzt liegt ein neues Buch von ihr vor:

Nadine Gordimer: „Sechs Fuß Erde“; S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 313 S., 14,80 DM.

Und wenn es wahr ist, daß ein Band Geschichten einen Autor noch deutlicher macht als ein einziger Roman, weil man die Tiefe seiner Phantasie, die Möglichkeiten seiner schriftstellerischen Ausdrucksmittel, seine Moral und seine Lebenshaltung. aus einzelnen Geschichten noch besser kennenlernt, dann hat uns die heute sechsunddreißigjährige Frau aus Johannesburg einen tiefen Einblick in sie selbst und in das Land, in dem sie wohnt, tun lassen.

Dieses Land ist gewiß eines der problematischsten auf unserer nicht gerade unproblematischen Welt. Inmitten eines aufbrechenden Schwarzen Kontinents behauptet hier eine aus Englindern, Buren und ein paar Deutschen gemischte weiße Oberschicht mit patriarchalischer Strenge die Vorherrschaft des Europäers. Es vergeht kaum eine Woche, in der wir nicht in der Zeitung von Unruhen in der Union lesen, kaum ein Monat, in dem es nicht zu blutigen Ausschreitungen kommt.

Wiewohl von diesen Dingen in Nadine Gordimers Buch kaum die Rede ist (wer Herüber literarisch gültig belehrt sein will, dem sei noch einmal Peter Lanhams vor Jahren erschienenes Buch „Blut hat nur eine Farbe“ empfohlen), darf man diese Geschichten doch nur aus jener Spannung verstehen. Nadine Gordimer erzählt fast ausschließlich von der dünnen weißen Oberschicht des Landes, berichtet in beinahe trockenem Ton von der Anständigkeit, von der Bigotterie und dem durchaus achtunggebietenden, aber uns antiquiert erscheinenden Ehrenkodex weißer Südafrikaner. Sie berichtet von Männern, die „eine Frau nur vom Standpunkt möglicher Gattenwahl betrachten, ihr sonst aber so wenig Beichtung vergönnen wie bei der Wahl von etwa einem Sittich“.

Und hier ist der Punkt, wo man, nicht zuletzt angeregt durch das hübsche Paßphoto der Autorin auf dem Schutzumschlag, schleunigst ein Flugzeug nach Johannesburg besteigen möchte, um die mit den südafrikanischen Männern so unzufriedene Nadine Gordimer ein wenig aufzuheitern. Gott sei Dank liest man, bevor man das Flugbillett bestellt, doch noch schnell die Widmung: „... Reinhold Cassirer – meinem Mann“ und weiß dann, daß Frau Gordimer offensichtlich keinen Südafrikaner geheiratet hat und sich auch offensichtlich nicht langweilt.