Von Eka v. Merveldt

Ichdachte, ich sei, schon in Hongkong, aber der Flugplatz "Kaitak" und die Stadt Kaolun liegen auf dem Festland, und die eigentliche Felseninsel Hongkong mit der Hauptstadt Viktoria ist mit einer Fähre zu erreichen. Ich wollte mit einer Taxe zur Fähre, aber die Rikschah-Kulis vor dem Hotel boten mir so zwingend ihre Dienste an, daß ich trotz der Hemmungen, die unsere Großväter nicht kannten, einstieg. Ich bedeutete dem Kuli, in der schweren, feuchten Hitze nicht so zu rennen, aber er wollte schnell zu einem neuen Kunden kommen und lief barfuß mit den Autos um die Wette. In einer Nachbar-Rikschah saß eine elegante Chinesin und spiegelte sich in ihren manikürten Nägeln, und auch in den Gefährten, die uns entgegenkamen, lehnten dicke Chinesen, die von ihren magern Landsleuten mit den muskulösen Beinen hurtig davongetragen wurden. Die großen Räder der Rikschah gleiten in dem Straßenlärm fast lautlos und wie von selbst dahin.

Das also ist Hongkong. Zu 99 Prozent chinesisch, und auch sehr englisch. Mit vergitterten Fenstern auch in den zwölfstöckigen Wohnhäusern. Wozu? Weil Chinesen vorsichtige Naturen sind und Angst vor Dieben haben, erhielt ich zur Antwort. Und auf den Dächern der Hochhäuser Hütten, wo ein Teil der unzählbaren und unregistrierten Flüchtlinge leben, die Squatters, Straßen, die Treppen sind. Mit Papierfahnen, die Reklamesprüche tragen, fast zugehängt, so daß es darunter noch drückender heiß ist. Auch kommunistische Schlagworte von den "Rechten des Volkes", "imperialistischen Aggressionen" und "vom industriellen Potential des kommunistischen China". In der rotchinesischen Buchhandlung auch ein Bild von Mao und Bücher von Marx. China liegt hier im Westen, von wo die neuen Ideen kommen. In den Schanghaier Zeitungen, die hier feilgeboten werden, stehen sie drin. Die kommunistischen Propagandisten sind aufdringlich aktiv in der Stadt. In Abständen werden immer wieder einige Doktrinen und Befehle verworfen und neue ausgegeben, die europäisch-kommunistische Gedanken chinesisch abwandeln.

Die Chinesen in Hongkong arbeiten 24 Stunden am Tag, (neun Stunden offiziell), auch am Sonntag. In den Straßen und Gäßchen wird unausgesetzt gekauft und verkauft, gearbeitet, gekocht, geschwatzt und geschrien, bis spät in die Nacht hinein. Dieses unwahrscheinlich nahe und intensive Miteinanderleben! Hier und da macht sich einer auf dem Pflaster eine Lagerstatt zurecht oder legt sich einfach auf die Erde und schläft. Ein Knäuel menschlicher Interessen und eines immerwachen Handelsgeistes. Die bunten Lappen, die farbigen Pyjamas von chinesischem Schnitt, die Männer, Frauen und Kinder tragen, diese starken Gerüche aller Art – das ist eine glühende, ausdrucksvolle Wirklichkeit.

"Ein fremder Lebensrhythmus, der seltsam aus Gleichmut und Leidenschaft gemischt ist, überfällt den Fremden. Daß dieser seelischen Form die heutige Konstellation unserer Kulturentwicklung mit ihrem Appell an die wirtschaftliche und politische Spannkraft der Menschen nicht günstig ist, leuchtet ein. Aber es sieht so aus, als ob der Orientale ein seelisches Gleichgewicht besitzt, das unsere viel labilere und reizbarere Organisation nur selten erreicht. Der westliche Individualismus mit seinen gesteigerten Bedürfnissen hat zwar zu einer bisher nicht gesehenen Entfaltung menschlicher Energie geführt, aber um den Preis einer gefährlichen Illusion, deren neuester Ausdruck der Sozialismus, als ein nur verkappter, radikaler Individualismus ist." So steht’s in dem unveröffentlichten Ostasien-Reisebericht eines deutschen Diplomaten aus dem Jahre 1908. Wie klang das vor etwa 30 Jahren, und wie klingt das heute.

Jetzt entfalten auch die Chinesen ihre Energien. Ihre Arbeitswut, die nicht nur aus Not geboren ist – und ihre Geschicklichkeit erlebt jeder fremde Gast sofort, der von ihnen mit großem Eifer genötigt wird, sich einen Anzug, Schuhe, Handtaschen, Koffer nach Maß zu bestellen, auch wenn er die Dinge gar nicht haben wollte. Am Nachmittag bestellt er den Anzug aus englischem Flanell, und am nächsten Morgen ist er schon in emsiger Heimarbeit genäht. Ganze Familienverbände, einschließlich der Kinder, die 40 und 60 Stunden in der Woche arbeiten, suchen die Wünsche der Kunden zu befriedigen. Mit diesem Fleiß, den Fähigkeiten und der Unermüdlichkeit der chinesischen Arbeiter, konnten die großen Projekte durchgeführt werden, die den Freihafen Hongkong heute zu einem Anziehungspunkt für die Konsumenten aus der ganzen Welt machen. Die neuen Industrien, die eingerichtet wurden, weil durch die rotchinesischen Grenzsperren Hongkong plötzlich ein Hafen ohne Hinterland wurde – wie Hamburg im fernen Europa –, stellen Waren von einer Qualität her, die alle Konkurrenten in Japan, Europa und Amerika unruhig machen. Hier wird weder von Automation noch von Rationalisierung gesprochen: Wie die Menschenkraft hier noch vergeudet wird, welcher Überschuß davon vorhanden ist! Die Bevölkerung, fast drei Millionen, wächst täglich um immer noch 100 Flüchtlinge und mehr und um Kinder, die niemand zählt – "ein unbegrenztes Reservoir an billigen und sehr fähigen Arbeitskräften" nennen das die Wirtschaftsexperten.

Die Flüchtlinge, die immer noch, trotz gesperrter Grenzen, über das portugiesische Macao am Perlfluß in die englische Kronkolonie einströmen, kommen selten aus politischen Gründen. Für viele ist Hongkong ein Paradies, in dem sie den Härten und Nöten des Lebens in China entgehen können, und manche kommen, um Geld zu machen. Sie werden angezogen von dem Glanz des großen Hafens, der fähigen Regierung mit ihrer unsichtbaren, allgegenwärtigen Verwaltung, den billigen Löhnen, den wenigen Zöllen. Unter den 50 Nationen, die hier in Hongkong versammelt sind, darunter viele indische Händler, haben wohl die eingewanderten großen kapitalstarken Geschäftsleute aus Schanghai und Kanton die meisten der aufschießenden Hochhäuser, der Banken und Büros und der eleganten Villen auf dem Peak und an der Repulse Bay gebaut. Das größte Gebäude an der Viktoria-Wasserfront ist die Bank von Rotchina mit der roten Fahne auf dem Dach, ein Clearing Haus fremder Währungen für Peking. Ein Prunkbau im russischen Zuckerbäckerstil wie an der Stalinallee in Berlin.

Jeder Hongkonger erzählt dem Fremden alsbald, daß diese Stadt Wassersorgen hat – sie lebt nur vom Regenwasser –, Ernährungssorgen – sie lebt hauptsächlich von Lebensmitteln, die über die Grenze aus Rotchina kommen – und Baugeländesorgen –, überall sind Felsen. Ebenen, die sich für Fabrikgelände eignen, sind nicht