Von Jürgen Petersen

Der Taunus schiebt sich wie eine Barriere vor den Rhein und zwingt den ahnungslos aus der Ebene kommenden Strom wörtlich in die Knie. Erst das Binger "Loch" öffnet ihm von neuem den raschen Lauf nach Norden. Für die Anziehungskraft auf den Reisenden ist damit einiges gesagt: das geographische Kuriosum gab einer reichen Landschaft mit mildem Klima Leben und Wachstum. Der Südhang des Gebirges ist fruchtbar und sonnig; er ist obstreich und von Weinbergen durchzogen. Wälder säumen Dörfer und kleine Städte, und viele von ihnen sind mit heilenden Quellen beschenkt: Homburg und Wiesbaden, Soden und Vilbel, Schwalbach und Schlangenbad.

Ein halbes Dutzend Straßen, unter ihnen die Autobahn Frankfurt-Köln, durchschneiden in anmutigem Verständnis mit der Landschaft das Gebirge in der Nord-Süd-Richtung – alles empfängt den Fremden freundlich und bequem. Das Land besitzt eine Fülle architektonischer Kostbarkeiten. Aber daß sie sich einiges von der zeitlosen Stille und Urtümlichkeit erhalten hat, die einst Hölderlin (in seinem Gedicht "Der Wanderer") an ihr pries – das ist fast ein Wunder. Es zeigt von neuem, wie sehr sich die Technik auf Straßen und Brennpunkte konzentriert, Ameisenpfade moderner Nomaden; die Wälder läßt sie unberührt.

Nichts ist in dieser Hanglandschaft zwischen Höhe und Strom abrupt, alles, fügt sich rhythmisch zusammen, in sanften Hügeln, im Wechsel von Feld und Wald. Oder mit anderen Augen: ein Gelände für den Golfspieler. In Bad Homburg in Kronberg, in Chausseehaus zwischen Wiesbaden und Schlangenbad und an manchen anderen Orten hat er die schönsten Plätze.

Wir wollen von Königstein in den Taunus vordringen. Das ist eine sinnvolle Ouvertüre. Das Städtchen liegt etwa zwanzig Kilometer hinter Frankfurt an der Straße nach Limburg an der Lahn. In steiler, schnurgerader Fahrt, auf halbem Weg das verträumte Bad Soden berührend, ist man nach wenigen Minuten oben. Eingebettet in eine Mulde gekrönt von einer imposanten Burgruine, liegt es wie eine Proszeniumsloge, von der aus man über bewaldete Höhen auf das zentrale Gebirgsmassiv des Altkönig, des Großen und des Kleinen Feldberg, blickt.

In Königstein weht eine gute Luft; der Wanderer aus der Rhein-Main-Ebene vermerkt es aufatmend. Eine freundliche Altstadt mit Weinstuben, Gasthöfen und an der Peripherie Sanatorien lädt den Fremden ein. Nachbarlich das erdbeerreiche Kronberg, bürg- und schloßbewehrt, mit dem Malerblick in die Ebene und zur umwaldeten Ruine Falkenstein.

Die Straße nach Limburg öffnet den Weg in die Höhe und zu den Luftkurorten des Hinterlandes, Schmitten, Nieder- und Oberreifenberg, Arnoldshain, Alt- und Neuweilnau. Wir sind auf der Höh’, wie die Bauern kurz den Taunus nennen, eine Hans-Thoma-Landschaft, heiter, ländlich und weiten Blicks; eine stille Wald- und Hügellandschaft mit einsamen Dörfern und alten Städten: Idstein, dem "hessischen Rothenburg", Camberg, dem Kneipport vor dem Goldenen Grund, der fruchtschweren Hochfläche, und von hier bis zu den Wiesenufern der lieblichen Lahn mit Limburg, Weilburg, Nassau, Bad Ems. Die Lahn scheidet den Taunus vom Westerwald im Norden. Im Westen trennt ihn der Rhein vom Hunsrück. Im Osten folgen Vogelsberg und Rhön – so reiht sich Gebirge an Gebirge.