Franzosen waren Favoriten bei den Berliner Filmfestspielen

Von Erika Müller

Ein Doktor der Filmwirtschaft hat im „Offiziellen Festspielalmanach“ der IX. Internationalen Filmfestspiele Berlin 1959 gesagt: „Besonders beachtlich an der filmischen Entwicklung der letzten Jahrzehnte ist die zunehmende gesellschaftliche Bedeutung, die der Film erlangt hat. Sein Einfluß auf die Gestaltung des äußeren und inneren Lebens wird immer höher eingeschätzt, wofür in erster Linie die Suggestivkraft und die Breitenwirkung seines Gemeinschaftserlebnisses verantwortlich gemacht werden. Die Festspiele, die zu einem beachtlichen Ereignis unseres öffentlichen Lebens geworden sind ... veranschaulichen die höhere Bewertung des Films durch Staat und Gesellschaft.“

Wenn ich nicht unter den vielen Papieren und Broschüren, die mir als Filmfestspielteilnehmer zugesteckt werden, auch jene von politischen Stellen hineingestreuten erhielte, die an die „Berlin-Krise“ erinnern und an Koslows Erklärung in USA: „Gewalt wird mit Gewalt beantwortet, wenn es zu einem offenen Konflikt in der Berlin-Frage kommen sollte“ – ich könnte wirklich glauben, diese kuriose Welt in dem auf. Hochglanz polierten und mit festlichem Schmuck dekorierten Teil Berlins, in dem ich mich bewege, ist „das äußere und innere Leben“, nach dem wir streben, weil wir keine anderen Sorgen und Ideen haben.

Der Doktor irrt nicht

In dieser perfektionierten Welt der Spiegelwände, der durchsichtigen Türen, der künstlichen Fußböden und abstrakten Brunnen, in der mit Lust unkenntlich gemachte Schönheiten und geschniegelte Männer sich selbst etwas vorspielen, ist das Selbstverständliche schon längst nicht mehr selbstverständlich, weil „der neue Einfluß“ mit Schecks und Sex regiert... So sind hier die Sitten: Manche Eingeladenen bekommen den Gastgeber gar nicht oder erst nach Tagen zu sehen. Auf Empfängen geistern sie unbegrüßt herum und trinken den Sekt der anonymen Spender. Der Regierende Bürgermeister von Berlin empfängt im Rathaus eine überall in der Welt nicht zimperlich als „Klatschtante“ apostrophierte Kolumnistin, die ihm wie ihren Hollywooder Schauspielern den unbegehrten Rat erteilt: Schonen Sie sich, dann werden Sie es noch zu etwas bringen. Ein gefeierter Star erschien zum Tanz mit einem Kleid, an dem die hintere Seite fast ganz fehlte (Ausschnitt bis fast zur Kniekehle). Aber diese high society ist durch nichts zu brüskieren. Dies ist der Nährboden, auf dem das Filmgeschäft floriert.

Der Doktor irrt nicht: Der Film hat die gläserne Gesellschaft mitgeprägt, die wir heute haben. Aber es sieht nicht so aus, als sei das ein Grund, darauf stolz zu sein. Wo der Erfolg Maßstab ist, ist kein Nährboden, auf dem Kunst wächst und Erkenntnis. Ein großer amerikanischer Regisseur war in diesen Tagen in Berlin. Der nahm nicht teil an dem Spiel der high society. Er streifte durch Berlin, „um die Angst, das Aufatmen, die Rückkehr zum normalen Leben nach überstandenen Gefahrenmomenten, zu beobachten“. Er machte sich viele Anmerkungen in seinem Notizbuch, das aussah wie eine Buchhalter-Kladde. Elia Kazan, der „Endstation Sehnsucht“, „Die Faust im Nacken“, „Jenseits von Eden“ und „Ein Gesicht in der Menge“ gedreht und Schauspieler von großer Intensität wie Marlon Brando und James Dean entdeckt hat. Er sagte, überall in der Welt begegne er wohl modernen Autoren, stets aber dem alten Stil, in dem noch immer Neues vorgetragen werde. Nach seiner Erfahrung lasse die Gestaltungskraft eines Schauspielers sofort nach, wenn er in den Sog des Starrummels gerate, Publikum und eigener Ehrgeiz ihn von einer Rolle in die andere hetze und ihm Zeit und Muße zu gründlicher Arbeit nehme.