"Schrei, wenn du kannst!"

In dem dunklen Saal des Festspielkinos, in dem ich täglich sechs bis acht Stunden sitze, war gleich am Anfang ein Film, der bis heute herausragt aus den von 43 Nationen präsentierten Werken: "Les Cousins" (in der üblichen marktschreierischen Eindeutschung "Schrei, wenn du kannst"), der zweite Film eines jungen französischen Regisseurs, Claude Chabrol. Er gehört zu einer neuen Generation von Filmregisseuren wie Louis Malle ("Die Liebenden", ZEIT, Nr. 2) oder François Truffaut (der in Cannes den großen Preis für seinen Film "Les quatre cents coups", ZEIT, Nr. 21 erhielt), die den müde gewordenen Meistern Jean Renoir, René Clair, Marcel Carne und Julien Duvivier folgen und dem Film eine neue Spritze geben. Auch aus England gab es jüngst einen Film eines neuen Regisseurs, Jack Clayton ("Room at the Top", ZEIT, Nr. 21), der neue Wege ging und der Auseinandersetzung mit dem Leben nicht auswich.

Ein junger Franzose, mit einem bartverbrämten Kindergesicht, ein Darsteller aus "Les Cousins", stand am Eröffnungstag ebenso rührend schüchtern zwischen den arrivierten Stars wie später sein Landsmann, Bergführer und Darsteller eines Films aus den Alpen, der offen gestand, daß er einen Smoking zum erstenmal in seinem Leben trage. Ganz anders nutzten da die anderen Stars und Sternchen die provinzielle Einrichtung der Berliner Festspiele, statt nach der Vorstellung den Beifall mit höflicher Verbeugung entgegenzunehmen – vorm Mikrophon ihre nichtssagenden oder eitlen Ansprachen ans Publikum zu halten.

In bedrängenden, dichten Bildern erzählt der 28jährige Chabrol die Geschichte von den beiden Vettern. Sie zeigt Balzacsche Tradition, aber analysierende Härte unserer Zeit. Der schüchterne, unerfahrene, fleißige und anständige der beiden in Paris studierenden Jungen wird von dem glatten, trickreichen Playboy an die Wand gedrückt. Er fällt entnervt sogar durchs Examen, während der andere mit frecher Gewandtheit blufft und durchkommt. Daß der Junge vom Lande auch noch durch eine Zufallskugel von seinem Vetter erschossen wird, ist mehr als die heute im Film billig gewordene Anwendung des Todes als dramaturgischem Mittel. Hier wurde mit Nachdruck, mit imponierender künstlerischer Verve und einem kühlen, kritischen Verstand der Protest gegen die glatte, fade, leere Erfolgssucht und sanktionierte Unmoral, der einen Teil der begabten jungen Menschen schon erfaßt hat, in einer hinreißenden Bildfolge formuliert. Es wird gezeigt, daß Reinheit und starke Gefühle in dieser skeptischen Welt keinen Platz mehr haben. Der junge Regisseur und Drehbuchautor rührt eine kleine Trommel mit einem neuen Ton, und die jungen Leute, die hier debütierten, haben nicht das Allerweltskinogesicht. Der Film rüttelt auf aus der bequemen Haltung, sich in Sicherheit zu wiegen, das perfektionierte Wohlleben zu genießen und die Angst und Not um uns nicht zu sehen. Es ist viel wert, daß diese Jungen zweifeln, daß sie mißtrauisch gegenüber Schlagworten sind und daß sie schildern, wie sie persönlich beunruhigt sind.

Im übrigen Reigen der ausländischen Festspielfilme, die ich sah, war viel reizende Unterhaltung und manche ernste Absicht, aber die Themen und die Art, die Gedanken auszuleuchten, waren selten neu, originell oder auf irgendeine Weise Anteilnahme erweckend bis auf den Außenseiter aus Holland‚ den ersten bedeutenden Spielfilm dieses Landes, "Dorf am Fluß", der glücklicherweise auch auf diesem Festival mit zu der angenehmen Erkenntnis beitrug, daß noch nicht alles schabionisiert ist trotz der Anstrengung gewisser Massenunterhaltungsmittel. Diese von Fous Rademaker handfest in Szene gesetzten Erlebnisse eines sensiblen Dorfarztes sind kräftig, deftig, komisch und lebensecht.

England zeigte "Tiger Bay", einen von dem Regisseur J. Lee Thompson (Drehbuch: John Harrkesworth und Shelley Smith) sicher gemachten Erfolgsfilm, in dem Horst Buchholz, der einen polnischen Seemann spielt und im Affekt zum Mörder wird, und Yvonne Mitchell, die schon einmal in Berlin für ihre Rolle in dem Film "Die Frau im Morgenrock" einen Preis erhielt, sich gegenseitig zu schönen schauspielerischen Leistungen anfeuern. Ein kleines Mädchen, Hayley Mills aber, die das Schauspielerblut ihres Vaters John Mills geerbt hat – er spielt den Inspektor in dem Reißer – fasziniert so sehr mit ihren bezaubernden Kinderaugen und ihrem lebhaften Spiel, daß das Publikum mit ihr das Entkommen des Mörders wünschte und gerührt war, wo es hätte entrüstet sein müssen.

Des Bischofs Gewissen