In dem norwegischen Film "Der Herr und seine Diener" (Regie: Arne Skouen, Drehbuch: Axel Kielland und Arne Skouen) sah es so aus, als wenn ein klärender Streit theologischer Widersacher ausgetragen werden sollte, aber dann rollte eine mit sehr langsamer Kamera eingefangene, seit frühen Filmtagen stets effektvolle Gerichtsverhandlung ab, in der ein Bischof, so paradox das klingt, sein Gewissen wiederentdecken muß. Während der Bischof aus Amt und Haus vertrieben wird, weil er in seltsame Verstrickung gerät und für seine geistige Schuld eintritt, sollen die Zuschauer lernen, daß auch geistliche Herren bessere Menschen werden, wenn sie in Not geraten. Der stille Ernst und die Ehrlichkeit des norwegischen Beitrags waren nicht wirkungslos. Aber die Frage bleibt im Räume stehen, ob ein Angeklagter zu seinem eigenen Nachteil das Gericht beschwindeln darf.

Schwedens Neuverfilmung von Selma Lagerlöfs Fuhrmann des Todes" ("Körkarlen", als Stummfilm von Mauriz Stiller) war bei aller Meisterschaft der Kamera von einem solch eintönigen Grau und beinahe Zeitlupentempo, daß diese ohnehin mehr als Philippika gegen einen Trinker und seinen mißverstandenen Freiheitsdrang angelegte Neujahrslegende an der Ungeduld des Durchschnittseuropäers unserer Breiten zum Scheitern verurteilt war. Es war ein Irrtum, dieses Vierpersonenstück auf der Breitwand zu zeigen. Auch das kraftvolle Spiel von George Sant (in der Rolle des Trinkers), von Anita Björk als duldende Ehefrau und Ulla Jacobsson, hier als Sturmschwester Edit von der Heilsarmee, konnte nicht darüber hinweghelfen. Der Regisseur Arne Mattsson schwelgte in quälender Düsternis, die abstumpfte.

Wie anders ist die Geschichte eines Vagabunden, der die Freiheit und den Suff dem geregelten Leben vorzieht, gesehen durch ein französisches Temperament: "Archimède le Clochard" (wieder eine deutsche Titelverwässerung: "Im Kittchen ist kein Zimmer frei"). Der Humor feiert ein Fest, und auch der französische Grundsatz vom Recht des Individuums auf sich selbst. Josef Müller-Marein hat in der vorigen Ausgabe in seinem Pariser Tagebuch diese charaktervollen Pariser Figuren in Dreck und Speck beschrieben, diese harmlosen Antibürger, die angeblich, um den Ruf Frankreichs zu retten, jetzt verschwinden sollten. Es fragt sich nur, wohin?

Bilderhymne auf Paris

Rechtzeitig, um die Clochards zu retten, ist dieser Film erschienen. Ein Bravo für Jean Gabin. In überschäumender Komödiantenlaune schlurft, tanzt, poltert, lächelt er sich durch die Episoden dieses herzerquickenden Bildberichtes, zeigt sich seinem klassischen Namen gewachsen, hat viel bessere Tage gesehen, aber sehnt sich nicht danach zurück, zitiert Apollinaire, verulkt eine versnobte, reiche Gesellschaft, in der er mit einem guten Trick einbricht, und entflieht trällernd in die freie Weite... ein unabhängiger, souveräner Mensch. (Regie: Gilles Grandier). Nebenbei ist der Film, nicht ohne erfrischende Ironie, eine Bilderhymne auf Paris.

Aus Amerika kam ein neuer Disney-Dokumentarfilm. Aus der Antarktis. Diesmal glücklicherweise, ohne die Natur noch mehr zu dramatisieren, als sie es von sich aus schon ist und ohne inszenierte Grausamkeiten. Erste Aufnahmen von dem Vielfraß, der zeigt, was es mit seinem Namen auf sich hat, und Neues von den Lemmingen, jenen kleinen Nagern auf der Suche nach neuen Futterplätzen, die ihr Ziel aus den Augen verlieren und in hysterischen Gewaltmärschen durch die Tundra jedes Hindernis nehmen und, vorwärtsdrängend, von hohen Felsenküsten ins Meer springen, wo sie zu Hunderten umkommen. Ein Spielfilm der Amerikaner, "Ask any girl" ("Immer die verflixten Frauen"), brachte nicht eben sonderlich interessante Stationen aus dem Leben eines Carrier-Girls, das Erfolg und private Affären zusammenstrich. Die unterhaltsame Komödie ist ganz auf den kecken und verschmitzten Star Shirley MacLaine und ihren erfolgreichen Partner, David Niven, zugeschnitten (Regie: Charles Walters. Drehbuch: George Wells).

Ein zweiter Spielfilm aus Amerika, "That kind of Women schien mit Zeitkritik geladen, denn ein großer Unbekannter aus der ersten besten Gesellschaft Amerikas, der sich mit den Windsors verglich, hielt ein Mädchen aus und wollte es zum Schluß gar heiraten, eins von der Sorte jener Callgirls, die schon einen großen Skandal in New York verursachten und einem Fernsehmann Schwierigkeiten machten, der die schmutzige Wäsche wusch. Aber der Film fragte nicht und ist allzu glatt (Regie: Sidney Lumet. Drehbuch: Walter Bernstein). Er gibt nur der schönen und herausfordernden Sophia Loren Gelegenheit, wie schon in dem unter Carol Reed in England gedrehten Film "Der Schlüssel" zu zeigen, daß sie nach Anweisungen einer zwingenden Regie vielsagend zu lächeln, zu schweigen, zu gehen weiß. In Berlin gab sie, die zu denen gehört, die unser gesellschaftliches Leben prägen (siehe oben unser Filmdoktor), im Hotel Kempinski einen sehr exklusiven Empfang (nachdem sie auch im Rathaus empfangen worden war) und sagte, um ein Urteil über den deutschen Film gebeten, sie habe zwar auf Filmfestspielen schon einige gesehen, könne sich aber an keinen erinnern.

Und da war der deutsche Festspielbeitrag von Helmut Käutner ...