Seit jenem 23. Juli des Jahres 1952, an dem die Offiziersjunta Naguibs und Nassers den ägyptischen König Faruk aus dem Lande jagte, ist der Juli im Mittleren Osten der Monat der Revolutionen und Überraschungen. Im Juli 1955 kam der sowjetische Außenminister verblaßten Angedenkens, Schepilow, nach Kairo und spann dort den Waffenhandel an, der den orientalischen Vulkan wieder ins Brodeln brachte. Ein Jahr später, abermals Im Juli, zog Amerikas Außenminister Dulles seine Zusage für die Assuan-Anleihe zurück, und Nasser verstaatlichte den Suezkanal. Zwölf Monate danach, 1957, stand dann Syrien im Blickpunkt; die amerikanische Sechste Flotte dampfte ins östliche Mittelmeer.

Im vorigen Juli war Syrien längst ägyptisch, aber im Libanon wurde geschossen. Und dann, am 14. Juli, explodierte der Irak: In Bagdad wurde der Haschemitenkönig Feisal umgebracht und der verstümmelte Leichnam des Ministerpräsidenten Nuri es Said durch die Straßen geschleift. Das war die zweite große arabische Revolution.

Dieses Jahr im Juli gibt es also binnen einer Woche zwei Feiern, eine am Nil und die andere am Tigris. Mögen auch die Parolen bei beiden Feiern ähnlich klingen – die Rivalität zwischen Bagdad und Kairo hat sich seit den Zeiten der irakischen Haschemiten noch nicht vermindert.

Eines allerdings verbindet die rivalisierenden Generalspräsidenten Nasser und Kassem: Sie sehen beide ihren Auftrag als noch nicht erfüllt an. So hat Nasser eben verkündet, seine Revolution habe noch nicht begonnen. "Die tiefgreifenden Wandlungen, die in unserer Gesellschaft stattfinden müssen, sind noch nicht eingetreten. Sie sind gerade dabei, Wirklichkeit zu werden." Aber auch Kassem, der neue Herrscher des Irak, hat aufs neue jenes Wort, das offenbar sein Lieblingswort ist, in die Debatte geworfen: "Jeden Monat eine Revolution." Gegen wen wird sie sich diesmal richten?

Erst richtete sie sich, im vergangenen November, gegen seinen Mitstreiter vom Juli, den Obersten Aref, und die hinter ihm stehenden nasserfreundlichen Baath-Sozialisten. Dann traf Kassems Bannstrahl die Nationaldemokraten. Wird er jetzt, wie manche Beobachter meinen, die Kommunisten aufs Korn nehmen, die vor einem Vierteljahr noch im Irak die Macht zu übernehmen drohten und deren Handlanger Kassem einige Zeitlang zu sein schien? Manche Anzeichen der letzten Wochen sprechen dafür: das Verbot der Parteientätigkeit, die Entmachtung der kommunistischen Volksmiliz, die Wiederzulassung antikommunistischer Zeitungen, die Absetzung des kommunistischen Polizeichefs von Bagdad, die Freilassung und Amnestierung einer großen Anzahl von politischen Strafgefangenen.

Was aber nun werden soll, wagt niemand vorauszusagen. "Die Politik des nachrevolutionären Irak ist dem Verkehr von Bagdad zu vergleichen – ein fast unbeschreibliches Durcheinander, schrieb der ehemalige britische Unterstaatssekretär im Außenministerium, Anthony Nutting, jüngst nach einem Besuch am Tigris...

So bleibt denn in der Schwebe, ob Nasser und Kassem sich innerhalb des arabischen Lagers nach ihrer erbitterten Fehde der letzten Zeit zu mehr als einer säuerlichen Koexistenz zusammenfinden – wie es auch offen bleiben muß, auf welcher außenpolitischen Linie sich der Irak am Ende einpendelt. Das Tauziehen zwischen Kommunismus und arabischem Nationalismus ist noch nicht entschieden. Die Frage ist, ob Kassem den Einflüssen aus dem Osten einen ähnlich wirksamen Riegel vorzuschieben versteht wie sein ägyptischer Rivale am Nil. Th. S.