XII. Wie leben die Franzosen unter General de Gaulle? – Ein Pariser Tagebuch

Von Josef Müller-Marein

An einem Baum am linken Seine-Ufer sind allerlei Zettel angeschlagen. Da lese ich am Vormittag, daß ein Maler sein kleines Atelier gegen ein größeres vertauschen möchte, und eine Dame Hat sechs junge Kätzchen abzugeben. Auch will ein Herr eine Reise in die Bretagne machen und hat noch zwei Plätze im Auto frei gegen Beteiligung an den Benzinkosten. Und während ich noch mit der spannenden Lektüre des Baumes beschäftigt bin, kommt ein niedliches junges Mädchen auf hohen Absätzen dahergewippt und heftet einen neuen Zettel an den Stamm, wobei zwei Goldreifen an ihrem rechten Handgelenk lieblich miteinander klingeln. Der Zettel ist fein kartoniert und trägt links oben in erhabener Schrift drei ineinander geschlungene Buchstaben; und so ist deutlich sichtbar, daß der Text, der nun folgt, aus besserem Hause stammt.

Es ist ein gedrucktes Lobgedicht auf de Gaulle. Es beginnt mit den Worten "Mon General" und sagt, daß der große Mann zweimal Frankreich rettete, zweimal dem geliebten Lande "die Würde wiedergab"; es schließt auch mit den Worten "Mon General" ...

Am Nachmittag sehe ich wieder einmal den General auf der Kinoleinwand. Er richtet sich in seiner ganzen, riesenhaften Größe auf, hebt seine langen Arme zu einem victorialen V und ruft aus, daß Frankreich auf dem Wege sei, die alte Größe wiederzufinden. Darauf lauten die ersten beiden Worte des folgenden Kinotextes: "Le General..."

Am frühen Abend winkt mich der Antiquar, den ich vordem gefragt habe, ob es wahr sei, daß Goethe eine Novelle von Diderot übersetzt habe, und ob es möglich sei, sie zu bekommen, freudig in seinen Laden. Aber es handelt sich nicht um Diderot und Goethe; es handelt sich um Napoleon. Und mit freudebebender Stimme liest mir der alte Bücherwurm eine Rede des Generals Bonaparte vor, die er am 4. Mai 1802 im Staatsrat gehalten hatte ...

Nicht als General