Von Theo Sommer

Für die Strecke Moskau – New York brauchte die viermotorige TU-114 genau elf Stunden und sechs Minuten. "Absolute Rekordzeit", raunten die zum Empfang versammelten Würdenträger einander auf New Yorks International Airport zu, während der bleistiftschlanke Riese mit dem Hammer-und-Sichel-Emblem am Leitwerk über der Landebahn einmal durchzog und dann beim zweiten Versucht glatt aufsetzte.

Die Amerikaner wurden sogleich gewahr, daß dem sowjetischen Turboprop-Flugzeug zu Recht der Ruf der größten Verkehrsmaschine der Welt vorauseilte: Die Gangway war um fast zwei Meter zu niedrig. Als erster erschien denn auch ein sowjetischer Mechaniker in kariertem Hemd und brauner Arbeitshose im Einstieg der TU-114, der eine Holzleiter auf die Treppen-Empore herabließ. Dann kletterten vier russische Photographen heraus, bauten sich am Fuße der Treppe auf und richteten ihre Kameralinsen auf die Hauptperson der Reisegesellschaft aus Moskau: den Ersten stellvertretenden Ministerpräsidenten der UdSSR, Frol Romanowitsch Koslow.

Der hohe Gast aus dem Kreml, dessen ausgeprägte Vorliebe für Mode und Musik des Westens bekannt ist, trug diesmal weder ein Texas-Shirt noch ein Hemd mit durchgeknöpftem Kragen. Untersetzt, mittelgroß und recht gewichtig, trat der grauhaarige Fünfziger in einem blauen Einreiher (mit weißem Hemd und vornehmer Krawatte) ans Mikrophon. Der Dolmetscher übersetzte:

"Die moderne Technik hat die Entfernung zwischen unseren beiden Ländern vermindert und die Möglichkeiten verstärkter gegenseitiger Kontakte ausgeweitet. Ich freue mich, Ihre Stadt besuchen und Ihr wundervolles Land sehen zu dürfen... Wir sind zuversichtlich, daß die Sowjetausstellung in New York ebenso wie die amerikanische Ausstellung in Moskau... das bessere Verständnis zwischen unseren Völkern, die Entwicklung freundschaftlicher Beziehungen zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten und mithin die Befestigung des Friedens in der ganzen Welt fördern werden."

Die Sowjet-Schau, die Koslow letzte Woche im New Yorker Coliseum eröffnete (in Anwesenheit Eisenhowers und des Vizepräsidenten Nixon, der Ende Juli in Moskau die US-Ausstellung freigeben wird), zog schon am ersten Tag rund 40 000 Besucher an. Sie bestaunten die Sputnikmodelle, die Modevorführungen, die "Standard"-Wohnungseinrichtung, die Sonderausstellungen der Maschinenbauindustrie, der Atomforschung, der Funk- und Fernsehentwicklung. Ziemlich einhellig vertraten allerdings die Sowjetexperten die Überzeugung, was da im Coliseum ausgestellt sei, das entspreche weniger der sowjetischen Wirklichkeit van heute als vielmehr dem Bild einer Zukunft, die noch im Reißbrettstadium stecke ...

Mit Amerika aber fragt sich die ganze westliche Welt: Hat Chruschtschow seinen Stellvertreter wirklich nur nach Amerika entsandt, um am Hudson ein rotes Band zu durchschneiden und eine Monstreschau zu eröffnen? Sollte sich nicht mehr hinter dem Besuch Koslows verbergen? Ein neuer Anlauf vielleicht, das festgefahrene Genfer Konferenzschiff in der Verhandlungspause wieder flottzumachen? Brachte der Sowjetführer am Ende eine einlenkende Botschaft seines Chefs?