mehr vorhanden, um neue Fabriken — vor allem Textilindustrie — zu errichten. Man muß in den Fels hinein, und das ist teuer. Viele Fabriken haben wegen der schwierigen politischen Verhältnisse oft komplizierte Herstellungsvorgänge und diffizile Buchungen. Denn die Amerikaner bestehen darauf, daß jede Dschunke, die sie in Hongkong bestellen, und jeder Meter Seide ein Zertifikat erhält mit der Versicherung, daß nur Rohstoffe verwandt wurden, die nicht Rotchina lieferte. So verarbeiten die Fabriken zwar in der Hauptsache chinesisches, aber auch thailändisches Teakholz und auch Seide aus Südostasien. Die chinesischen Enten und Schweine, chinesisches Gemüse, Eier und auch die Rohstoffe kommen ziemlich regelmäßig nach Hongkong herein, obwohl es an der Grenze so tot aussieht, als ob dort drüben weder 600 Millionen Menschen noch irgendwelche Tiere leben. Alle Rohstoffe müssen importiert werden. An einem Grenzpunkt stehen manchmal Hongkonger Gäste aus Europa, die sich zur eigenen Beruhigung von der Mißwirtschaft der Leute in Rotchina überzeugen wollen. Diesseits der Grenze sind die winzigen Reisfelder des "New Territory" in bestem Zustand; Drüben hat man die kleinen Äcker beseitigt und große Felder für die gemeinsame Bewirtschaftung der Kommune zusammengelegt. Erfolg: Das Land liegt teilweise brach, weil das für den Reisanbau notwendige Wasser abgelaufen ist. Es hält sich nur in kleinen, sorgfältig abgesteckten Flächen . Die Bewohner von Hongkong fahren dort nicht hin, obwohl sie auf ihrem begrenzten Gebiet wenig Bewegungsmöglichkeiten haben. Fast so wenig wie die Berliner.

"Warum schon heute darüber nachdenken, was 1998 sein wird. Wir sind hier und machen weiter", das ist die stereotype Antwort englischer Behörden auf die Frage beunruhigter Europäer, was aus Hongkong werden soll, wenn in 39 Jahren der Pachtvertrag über das 1898 dazugeholte "New Territory", das neue Gebiet auf dem Festland und einigen kleineren Inseln, abläuft. Dieses New Territory ist die einzige landschaftliche Nutzfläche, und auf den bisher zum Teil unbewohnten Inseln werden gerade erfolgreiche Versuche gemacht, die Schweinemast einzurichten. Niemand weiß, ob der Vertrag 1998 erneuert werden kann, ob internationale Verträge dann noch irgendeine Bedeutung haben oder schon vorher etwas geschieht, was nicht vorherzusehen war. Die Engländer und all die anderen Bewohner Hongkongs, die 50 verschiedenen Nationalitäten angehören, haben schon den orientalischen Gleichmut. Sie wissen, daß diese Enklave nicht zu verteidigen ist, obwohl noch imposante Kriegsschiffe zwischen geschäftigen Dschunken, Fähren, Luxusdampfern und Frachtern im Hafen liegen. China, sagt man hier, hat alle Machttrümpfe in der Hand. Sie können Hongkong mit Gewalt nehmen, wenn sie internationale Auseinandersetzungen riskieren wollen. Sie können es aushungern, oder sie können 39 Jahre warten, was in chinesischer Zeitrechnung nicht viel bedeutet. So lebt man in Hongkong zwischen Vertrauen und Zynismus in der emsigen Gegenwart. Es ist eine Nachrichtenzentrale. Allein das amerikanische Generalkonsulat horcht hier mit 20 Konsuln und 40 Übersetzern das Riesenreich hinter der nahen Grenze ab. Es ist eine ganz chinesische Stadt in der Mehrheit der Bevölkerung, es ist eine ganz europäische Stadt mit großen neuen Unternehmungen der Regierung — den größten ausgerechnet in den New Territories. Wo bleibt da, die Logik? Und die Angst? Die Rotchinesen betrachten diesen blühenden Handelsplatz in Ostasien "als ihren gutgehenden Laden an der Ecke", wo sie ihre landschaftlichen Produkte absetzen und die Fische gelegentlich unter Preis anbieten können, um den Hongkonger Markt zu verwirren. Man hat sie auch schon mit einer Katze verglichen, die mit der Maus noch ein bißchen spielt, ehe sie ihr Opfer frißt. Ein Engländer sagte: "There is an element of sadism Die Engländer hoffen auf noch bessere Handelsbeziehungen, und auch die Japaner stehen vor der Tür und hoffen, daß sich hier ein Loch für einen Warenaustausch mit China findet. Manchmal kann man an den politischen Reaktionen der Engländer in Europa ablesen, wie wichtig ihnen das gute Einvernehmen mit den Chinesen, wie wichtig ihnen Hongkong ist. Diese Felseninsel ist betörend schön, ein Paradies. Deshalb leben viele arme Leute lieber dort als anderswo. Aber dieses Paradies hat häßliche Ort für ungeduldige Europäer mit schwachen Nerven.

Welt in der Tasche; ich zog den Fahrschein heraus und war wieder in der Luft. Neben mir saß ein Inder, der nach mir von Delhi aus über Paris und über den Pol die Erde umrundet und mich in Hongkong eingeholt hatte. Er versuchte, mir energisch klarzumachen, daß durch die chinesische Gewaltanwendung in Tibet das ganze freie Ostasien schockiert und wachsam geworden sei. Die Wahlen in Singapur würden beweisen, daß die Kömmunisten nicht weitergekommen seien (Tatsächlich bewiesen sie es ein paar Tage später ) Der Inder war nicht von der besänftigenden, auf Neutralität bedachten A. Er war ein Freund von Tibet und sprühte Feuer, als er gegen die chinesischen Geschäftsleute und Bankiers losging. die überall hinter den Kulissen in Ostasien ihre unübersichtlichen Fäden spinnen und alle ihre verwandtschaftlichen und andere undurchsichtige Beziehungen in Peking haben "Aber man trifft doch überall auch indische Kaufleute", sagte ich. "Ja", sagte er, "aber nicht so einflußreiche. Sie haben keine Macht in der Hand " Nach Hongkong gehen viele Inder, weil sie dort ohne Visum hereinkommen und Verwandte haben. Aber auch in Indien sei das Leben sehr, sehr viel besser geworden in den letzten Jahren. Besser als je zuvor. Er sei Tausende von Kilometern mit dem Jeep und zu Pferde durch Indien gereist, und überall in den Dörfern hätten die Menschen mehr zu essen gehabt als zuvor "Die Armen", so zog er das- Resümee seiner Weltreise, "sind überall arm. Es gibt zwar Unterschiede im Essen uiid in der Kleidung, aber mehr als Essen und Kleider haben sie alle nicht. Finden Sie nicht auch", fügte er hinzu, und das sonderbare Bild schien ihm zu gefallen, "Hongkong ist ein goldener Spatz, der auf einem Vulkan sitzt " Der gesprächige Mitreisende mit den langen dunklen Händen hatte beim Reden so heftig an seiner deutschen Kamera gebastelt, die er in Hongkong gekauft hat, daß sich der Film nicht mehr weiterdrehen ließ. Ich wollte versuchen, ihm zu helfen, aber er wollte allein mit der unbekannten Technik fertig werden "Je nun, der Mensch ist ein seltsames Wesen", pflegt ein Hamburger Freund in solchen Situationen zu sagen. Vor meinem Fenster war der Fernsehfilm weitergelaufen. Wieder war etwas Unglaubliches geschehen. Dem Tag folgte mit tropischer Eile die Nacht. Nach stundenlangem Flug über das Meer flogen wir die hinterindische Halbinsel an. Farbe des Amethyst. Wir kamen ins Reich der Edelsteine. Aber zunächst lagen unter uns unendliche Dschungelwälder, in völliger Verdunkelung. Ein Lichtpunkt. Saigon. Aber unter Wasser. Es goß in Strömen, und es war beklemmend, wie in einem überheizten Treibhaus. 40 Grad im Schatten. Ein kleiner dunkelhäutiger Soldat, der mich daran hindern wollte, die Absperrung für Transitpassagiere zu verlassen, sagte in sonderbarem Französisch: "Aus Deutschland, da sind Sie auch aus einem geteilten Land Und ließ mich durch (Wird fortgesetzt.