Regen S’ Ihnen net auf heißt auch in diesem Jahr der Wahlspruch der Österreicher, wenn ein paar hundert Bundesdeutsche ins Dorf kommen, die sich von ihrem Reisebüro nicht überzeugen lassen wollten, daß Tirol und Kärnten heuer "praktisch ausverkauft" sind. Irgendwo wird sich noch ein Platzerl finden lassen, meinen sie, und es findet sich. Freilich, im Grand Hotel nimmer. Aber ist man denn wegen der Badewanne und des Zimmertelephons hierher gefahren? Die Nockerl und Zibebenkuchen schmecken auch im "Roten Ochsen".

Die Fremden sind Österreichs Wirtschaftsfaktor Nummer eins geworden: 1958 haben die Deviseneinnahmen aus dem Ausländer-Reiseverkehr mit rund 4,3 Milliarden Schilling (etwa 700 Millionen Mark) die beiden anderen Haupteinnahmequellen übertroffen: den Eisen- und Stahlexport und die Holz- und Holzwarenausfuhr. Fast siebzig Prozent der Gäste kamen aus der Bundesrepublik und aus Berlin. Und in diesem Jahre hat der Fremdenstrom noch früher und noch stärker begonnen. Ende 1959 werden die Statistiker voraussichtlich feststellen, daß im Durchschnitt jede vierköpfige österreichische Familie je zwei Fremde je sieben Tage lang beherbergt hat. Kein anderes europäisches Land kann solche Zahlen vorweisen.

Was steckt hinter dem österreichischen Fremdenverkehrswunder? Die Werbeprospekte preisen die Gastfreundlichkeit der biederen Älpler und die Sehenswürdigkeiten vom Alpenglühen über den Kronschatz des ersten Reiches bis zum Tauernkraftwerk Kaprun. Aber wer verreist heute noch, um sich zu bilden, wie es unsere Väter taten? Wenn ich Salzburger wäre und zu entscheiden hätte, worauf die fernere Verkehrswerbung zu gründen und wie die Fremden dauernd an diese Stadt zu binden seien, so würde ich mich nicht auf Mozarts Geburtshaus und auch nicht auf das Festspielgeschäft verlassen, sondern in erster Linie auf die Nockerl.

Zwischen der französischen und der Wiener Küche mag jeder nach seinem Gusto wählen. Aber selbst wenn die französische wirklich unserem rheinischen oder norddeutschen Gaumen besser läge – für den Erfolg der österreichischen Gastronomie bleibt entscheidend, daß sie uns ein Backhendl etwa für denselben Preis serviert, den unser gallischer Nachbar für eine Tagessuppe fordert. Und für den vollen Pensionspreis in Klagenfurt gibt es in vergleichbaren Kleinstädten des französischen Alpenvorlandes kaum ein Mittagessen. Wer sich sein Urlaubsdomizil so auswählt, daß er danach seinen Freunden möglichst hohe Hotelrechnungen vorweisen kann, darf nicht in die Gegend zwischen Donau und Brenner reisen. Von den wenigen übrigens, denen es nirgends teuer genug sein kann, lebt kein europäisches Reiseland. Sie können kaum die Hoteliers an der Riviera ernähren.

Um auf Österreich zurückzukommen: dort gibt es nach den diesjährigen amtlichen Unterlagen unter zwölftausend Hotels gerade dreiunddreißig, in denen man für mehr als 25 Mark übernachten oder für mehr als 40 Mark in Vollpension gehen kann (zwölf Häuser in Wien, zehn in Salzburg, acht in Badgastein, zwei am Semmering und eines am Wörthersee). Man darf auch in Pörtschach, Velden, Kitzbühel und einigen anderen Hauptorten des Fremdenverkehrs noch mit einigem Aufwand rechnen. Im allgemeinen aber schwanken die Übernachtungspreise auch in diesem Jahre zwischen sechs und zehn Mark im Westen, zwischen vier bis sieben Mark im östlichen Teil des Landes, und noch geringere Preise sind selbst in gut ausgestatteten Häusern keine Seltenheit.

So kommt es, daß sich die Tiroler und Kärntner Fremdenbetten mit fließendem Wasser, ja selbst mit Krugwasser weit besser verkaufen als Stahl und Holzwaren. Und die feschen Madin, die unter der Regie des Direktors Tischler in der Frankfurter Zentrale der österreichischen Fremdenverkehrswerbung arbeiten, bemühen sich nicht mehr so sehr, den Fremdenstrom in der Saison noch zu verstärken, als vielmehr, ihn besser über die Landschaften zu verteilen. Auch im Burgenland, in Niederösterreich, der Steiermark und dem Salzkammergut gibt es schöne Ferienziele. Schon im vergangenen Jahr hat die stärkere Werbung für diese Gebiete Erfolg gehabt.

Wer mit dem Auto in die Donaurepublik kommt, wird diesmal manche Straße breiter und manche Kurve abgeschnitten finden. Die neuen Autobahnteilstücke zwischen Linz und Wien verlocken zu einem Abstecher in die Wachau, die klassische Landschaft der Nibelungen, des Heurigen und der Marillenknödel.

Alles in allem: Österreich, seine Berge und seine Mehlspeisen sind die halbe Milliarde DM wert, die wir auch in diesem Jahre wieder in den Hotels, Kaffeehäusern und "Jausenstationen" zwischen Boden- und Neusiedlersee ausgeben werden. Heinrich David