New York, Anfang Juli

Die Filmausgabe von "Porgy and Bess", die gerade mit großem Tamtam am Broadway eingetroffen ist, verläuft ohne die ärgerlichen Retuschen, die authentische Kunstwerke sich beim Transport von der Bühne zur Leinwand gewöhnlich gefallen lassen müssen, meistens in törichter Ehrfurcht vor einem nebelhaften "Publikumsgeschmack", der in der Regel auf die geistige Altersklasse von Zwölfjährigen zugeschnitten ist. Artistische Lauterkeit, wie hier praktiziert, ist heute in Hollywood – und nicht nur in Hollywood – ein Luxus geworden, den sich wahrscheinlich keiner mit größerer Beständigkeit geleistet hat als Samuel Goldwyn, der Producer von "Porgy and Bess". Er ist einer der letzten überlebenden Pioniere aus den heroischen Zeiten des Films, ein hartgesottener Einzelgänger, der sich seine Unabhängigkeit damit erkauft, daß er. seine Filme aus eigener Tasche und nicht mit Bankkrediten finanziert. (Sieben Millionen Dollar im Falle von "Porgy and Bess", wenn den Reklamebrüdern zu glauben ist.) Das hat den Mann, der vor ungefähr fünfzig Jahren vom Handschuhverkäufer zum Filmmagnaten umgesattelt hat, in seinem Fach fast so legendär gemacht wie das Werk, das er jetzt als seine neueste Produktion zur Besichtigung vorlegt.

Vielleicht werden rabiate Filmformalisten sogar Anstoß nehmen an der Gewissenhaftigkeit, mit der das Original respektiert wird, und mit dem oft zitierten Zuruf herausrücken, daß es am Ende doch wieder nur Theater sei. Aber wenn es wirklich Theater ist, dann ist es lebendig betriebenes, großartig photographiertes Theater. George Gershwins klassisches Musikdrama, wie es geht und steht, hat soviel Farbe, Spannung und Vitalität, daß es auch ohne den Zusatz konfektionierter Einfälle und optischer Kniffe sehr gut auskommen kann. Die technischen Schikanen des Films – Technicolor und Todd-AO – sind hier lediglich eingesetzt, um die Effekte dieser Qualitäten zu vergrößern, nicht zu vergröbern. Das Elendsviertel der Neger in Charleston sieht auf der Leinwand vielleicht ein wenig zu geschniegelt aus, aber die strotzende Lebenskraft seiner Bewohner bleibt unversehrt, und ihre primitiven Emotionen fließen wie ein unablässiger Strom durch zweieinhalb Kinostunden.

"Porgy and Bess" ist in so ziemlich allen Ländern aufgeführt und überall als das klassische Beispiel einer amerikanischen Volksoper mit höchsten Ehren empfangen worden. Aber mehr als einmal hat es den Anschein, als habe die profunde Volkstümlichkeit des Werkes erst in der Verfilmung ihren vollsten und stärksten Ausdruck erhalten. Die Gewalt des Bösen, die wie eine Wolke drohend über der Geschichte desverkrüppelten Straßenbettlers und des verlebten Straßenmädchens liegt, wächst in der Vergrößerung zu einer wahrhaft fatalen Macht, von der arme Seelen niemals loskommen können. Der Orkan, der ihre schäbigen Häuser heimsucht, bricht mit einer bildlichen Windstärke herein, die sich auf keiner Bühne kopieren läßt. Und zwischen den bedrängend tragischen Stimmungen stehen, in zauberhaft farbvolle Bewegung aufgelöst, die Bilder von der Landpartie, die dann auch wieder in Unheil enden.

Mit der szenischen Eindringlichkeit bewahrt der Film den ganzen Reichtum an menschlichen und musikalischen Werten, mit dem Gershwin sein Opus beschenkt hat. Die besten Negerschauspieler – Sidney Poitier, Dorothy Dandridge, Sammy Davis, Pearl Baily – sind auf der Leinwand versammelt, und die Partitur, selbst in ihren vertrautesten Melodien, erfährt die Wiedergabe, die an Reinheit und Größe schwer zu übertreffen ist. Hier, von Anfang zu Ende, ist der Klang eines universellen Idioms, das sich auch ohne die Hilfsmittel der Synchronisation in jeder Sprachzone spielend leicht verständlich machen wird.

Eric Burger