In Schweden spricht man von einer Wohlstandskrise und meint damit, daß vor allem die heranwachsende Generation durch den hochgetriebenen und noch immer steigenden Lebensstandard körperlich wie seelisch geradezu überfüttert wird – was dem Menschen bekanntlich nicht bekommt. So gehört auch eine erhebliche und zunehmende Jugendkriminalität zu diesem Bilde, bei der gewisse aus Langerweile, Übermut und Abenteurerlust erwachsene Delikte überwiegen. Dem Perfektionismus des hochentwickelten "Sozialstaates" entspricht es, daß die jugendlichen Täter, nach einer Verurteilung, nicht etwa ins Gefängnis und auch nicht in ein Jugendgefängnis eingewiesen werden, sondern in Erziehungsanstalten, wo speziell ausgebildete Sozialhelfer sich ihrer annehmen, um die psychischen Bedingtheiten der Tat (oder der Taten) in jedem Einzelfall aufzuspüren und so die auf schiefe Bahn geratenen jungen Menschen heilend statt strafend zu bessern. Aber in diesen modernen "Seelensanatorien" reicht nun leider der Raum nicht aus, um die schnell wachsende Zahl der Besserungs- und Heilungsbedürftigen aufzunehmen. Das Ergebnis ist, daß ein immer größerer Prozentsatz derjenigen, die zu Jugendarrest verurteilt sind, solange auf freiem Fuß belassen werden muß, bis sich wieder Unterbringungsmöglichkeiten für sie in den Erziehungsanstalten ergeben... Das also ist die Kehrseite des zu hoher Vollendung gediehenen sozialstaatlichen Betriebes!

Was hier an dem extremen Beispiel der – wegen Unterschätzung des "Bedarfes" – nicht mehr voll wirksamen Fürsorge für die jugendlichen "Verbrecher aus Übermut" zu zeigen war, gilt aber mutatis mutandis auch für alle anderen Gebiete des versorgungsstaatlichen Bereiches. Schweden hat sich, um es mit einem Wort zu sagen, bei den sozialen Leistungen übernommen – finanziell übernommen, wie die Entwicklung der Staatsfinanzen schon jetzt zeigt, und wie insbesondere jede vorausschauende Rechnung für die Spanne zwischen Einnahmen und Ausgaben erkennen läßt. Das Haushaltsdefizit für das Etatsjahr 1957/58 betrug "erst" 1,15 Mrd. Kr. gegenüber 1,0 Mrd. des Voranschlags. In dem kürzlich abgelaufenen Etatsjahr 1958/59 ist der auf 1,55 Mrd. Kr. veranschlagte Fehlbetrag wahrscheinlich auf 2,20 Mrd. gestiegen, und für das neue Haushaltsjahr wird mit einem Defizit in Höhe von 2,5 Mrd. Kr. gerechnet, das wiederum voll durch Aufnahme von Anleihen "gedeckt" werden soll. Die (innere) Anleiheschuld, die vor 20 Jahren noch ganze 2,5 Mrd. ausmachte, ist mittlerweile auf 20 Mrd. gestiegen und wird Mitte 1961 wohl bei 25 Mrd. Kr. liegen. Das eigentlich Bedenkliche an dieser Entwicklung ist, daß nur etwa die Hälfte dieser Staatsschuldtitel beim "Publikum" untergebracht ist, die andere Hälfte also "im Bankensystem". Damit ist ein inflatorisches Moment gegeben.

Freilich könnte hierzu einschränkend geltend gemacht werden, daß die Gegenwerte der staatlichen Anleiheverschuldung ja nicht ausschließlich "in den Konsum gehen", sondern in erheblichem Maße für öffentliche Investitionen verwandt werden. Bei einer relativ hohen Investitionsquote insgesamt – sie umfaßt 13 v. H. des Inlandsangebots an Gütern und Dienstleistungen, während der private und öffentliche Verbrauch also 69 v. H. davon beansprucht – sind für das letzte Jahr die öffentlichen Investitionen auf 6,77 Mrd. Kr., die privaten auf 9,15 Mrd. veranschlagt worden. Aber im Endergebnis kommt es ja doch auf den gleichen inflatorischen Effekt hinaus, ob nun die Gegenwerte der von der Währungsbank hereingenommenen Anleihen mittelbar oder unmittelbar dem Verbrauch zugute kommen.

Daß Schweden nicht nur "über seine Verhältnisse" lebt, sondern auch investiert, dürfte kaum zu bestreiten sein. Besonders bedenklich ist dabei, daß trotz der steigenden Aufwendungen für "investorische" Sozialleistungen, wie insbesondere für den Wohnungsbau, die als unumgänglich angesehene Vollbeschäftigung nicht mehr zu erhalten war, so daß es nun bereits öffentliche Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zu finanzieren gilt. Die mit sehr großen Hoffnungen geschaffene Investitionsabgabe, von der man sich einen perfekten Konjunkturausgleich versprochen hatte, wird schon ab 1. Januar 1958 nicht mehr "eingehoben"; die Rückzahlungen aus diesem Fonds reichen aber, wie gesagt, nicht aus, um weiterhin Vollbeschäftigung zu betreiben. Dabei fehlt es gewiß nicht an den vom Verbrauch ausgehenden "incentives": im letzten Jahre ist der private Konsum um 6 v. H. gestiegen, während die Lohn- und Gehaltssumme nur um 3,5 v. H. zugenommen hat. Hier erhebt sich bereits die Frage, ob das noch eine "gesunde Entwicklung" ist.

Der letzte Schritt, den das schwedische Parlament vor kurzem zur Perfektionierung der sozialstaatlichen Einrichtungen getan hat, betrifft die Ergänzung der allgemeinen Alterspension ("Volkspension", die für alle Bürger nach Vollendung des 67. Lebensjahres gezahlt wird) durch eine Zusatzpension, über die den Arbeitern und Angestellten nach Erreichung der Altersgrenze eine Rente von etwa 65 v. H. des durchschnittlichen Einkommens zugesichert wird, das sie während ihrer 15 "besten" Verdienstjahre hatten. Ebenso wie für die Volkspension gilt auch für die "wachsende Rente" der Zusatzpension eine. Indexklausel; die beiden Altersrenten bemessen sich also nach dem Lebenshaltungsindex. Finanziert wird die Zusatzpension – vorläufig – ausschließlich durch Arbeitgeberbeiträge, die zunächst knapp 2 v. H. der Lohn- und Gehaltssummen ausmachen, sich aber schon bis 1964 (auf 4,5 v. H.) mehr als verdoppeln und in wenigen Jahren (nach Ansicht der Regierung) 10 v. H. erreichen werden... nach Meinung der Unternehmer sogar 20 v. H. Auch eine "nur" 10 v. H. ausmachende zusätzliche Belastung des Lohnkontos wird, wie mit einiger Sicherheit zu prognostizieren ist, den Ruf nach staatlichen Zuschüssen laut werden lassen: das bedeutet also, daß noch größere Steuererhöhungen drohen, als jetzt ohnehin schon in Aussicht stehen – vorausgesetzt eben, daß mit dem Kampf gegen die Inflationsgefahr wirklich Ernst gemacht wird!

G. K.