Von Rudolf Walter Leonhardt

Vor dem ungewöhnlichen Stadttheater in Lindau sah ich ein scheinbar ganz gewöhnliches Bild: Zwei junge Mädchen bemühten sich um ein Autogramm – wie Tausende von jungen Mädchen vor Hunderten von Stadttheatern. Was das ungewöhnliche Stadttheater anlangt: Es muß wohl das einzige seiner Art sein, das zunächst und bis zum Ende des 17. Jahrhunderts eine Kirche war, dann Bibliothek, danach Kaserne, Gefängnis, Zeughaus, Reithalle, Feuerwehr-Depot und Turnhalle, ehe 1887 aus dem vielgeprüften Kirchenschiff ein Theater wurde.

Seltsam war nun auch die Reaktion des "Stars", der da um ein Autogramm angegangen wurde. Denn was hörten meine in der Ruhe eines regenverhangenen Bodensees sich vom Großstadtlärm wunderbar erholenden und dadurch unbedingt zuverlässigen Ohren? "Nein, mein Fräulein", hörten sie, "mich müssen Sie nicht bitten, sondern hier den Herrn neben mir – der ist viel berühmter als ich."

Nur halb überzeugt, akzeptierten die jungen Damen dann auch ein Autogramm des Cambridger Atomforschers Dirac, ließen jedoch nicht locker, bis schließlich auch der, der sie zunächst abgewiesen hatte, zum Kugelschreiber griff. Es war der Senior der deutschen Atomphysik (der freilich gern betont, daß er kein Physiker, sondern ein Chemiker sei): Otto Hahn.

Die Geschichte ist nicht nur buchstäblich wahr, sondern sie hat auch eine Moral: Es gibt offenbar eine intellektuelle Ebene der Heldenverehrung, wo nobelpreisgekrönte Naturwissenschaftler die Stellung einnehmen, die im Schulunterricht (alter Art!) kühnen Kriegern wie Leonidas und Barbarossa, auf den Gassen des sentimentalen Alltags jedoch Soraya und Romy Schneider vorbehalten ist.

Zu den Sehnsüchten jedes einzelnen von zwei Milliarden menschlichen Lebewesen, die periodisch seit Millionen Jahren diesen Stern bevölkern, einen unter jenen vielen, die um die Sonne kreisen, welche ihrerseits freilich nur eine von 10 hoch 11 Sonnen in unserem eigenen Milchstraßensystem ist, von der noch unerforschten Zahl der anderen Spiralnebel nicht zu reden – zu den Sehnsüchten also dieses beinahe Nichts im Unendlichen gehört es allem Anschein nach, in irgendeiner Form teilnehmen zu wollen an der "großen Welt". Sage mir, was du unter "große Welt" verstehst, und ich will dir sagen, wie deine kleine Welt beschaffen ist.

Die große Welt der Physiker ist sehr groß und wird noch immer größer – paradoxerweise auch gerade dann, wenn ihr wichtigster Beobachtungsgegenstand (von "Gegenstand" kann freilich nicht die Rede sein), etwa der Atomkern, also winzig klein ist.