Die Entwicklung der Fachdisziplinen hat dazu geführt, daß jetzt viele hochqualifizierte Spezialisten, ohne deren selbständige Arbeit das von dem jeweiligen Ordinarius vertretene Fach nicht lebensfähig wäre, auch als betagte außerplanmäßige Professoren im Hinblick auf soziale Sicherstellung, Arbeitseinteilung und Arbeitsbedingungen von ihrem Ordinarius abhängig sind; ganz zu schweigen davon, daß sie auch keinerlei Mitspracherecht in der Fakultät haben.

Diese zunehmende Diskrepanz zwischen den Realitäten einer lebendigen wissenschaftlichen Entwicklung und den längst anachronistischen Bestimmungen einer überalterten und wirklichkeitsfremden Institution führt zu Spannungen innerhalb des einzelnen Faches, welche der Wissenschaft schaden. Sie führt dazu, daß die deutsche Universität mehr und mehr zu einer absolutistisch regierten Insel im weiten Meer moderner, demokratischer Lebensformen zu werden droht.

Allenthalben stößt man denn auch an den Universitäten auf die charakteristischen psychologischen Begleiterscheinungen einer feudalen Gesellschaftsstruktur. Wer die umfangreichen Erhebungen von Professor Plessner durchsieht, stößt immer nieder auf die sich ständig wiederholenden Klagen über zunehmenden liebedienerischen Byzantinismus "von unten" und mangelhaftes Verantwortungsgefühl, ja mitunter Willkür "von oben". "Ihre Rechte kennen unsere Chefs sehr genau, und von ihren Verpflichtungen wollen sie nichts wissen" – so Plessner.

Auch bedeutet das immer mißlicher werdende Mißverhältnis zwischen der für die wissenschaftliche Entwicklung notwendigen Zahl an qualifizierten Forschern und der Tatsache, daß nur eine einzige Position, eben die des Ordinariats, Unabhängigkeit, Sicherheit und Rechte mit sich bringt, ein Laufbahnrisiko, welches immer häufiger jüngere, hochbegabte Kräfte von der Universität abwandern läßt. Diese institutionelle Ungerechtigkeit muß dazu führen, daß jeder, der es trotz noch so guter wissenschaftlicher Leistungen nicht bis zum Lehrstuhl "schafft" – und wie gering sind die Chancen allein schon angesichts der relativ kleinen Zahl freiwerdender Ordinariate! – seine Laufbahn als gescheitert ansieht.

Aber sehen wir uns diese Universitätsverfassung, von welcher der Hinterzartener Arbeitsausschuß in vorsichtiger Formulierung feststellte, daß sie "antiquiert und physisch wie moralisch lähmend" sei, doch einmal etwas näher an. Vielleicht sind ihre Auswirkungen in der Medizin besonders deutlich zu spüren, vor allem deshalb, weil dort die Anachronismen infolge der besonders weiten Einflußsphäre der Ordinarien und des besonders harten Konkurrenzkampfes unter dem Nachwuchs zu kraß ausgeprägten Mißständen führen.

In den schon mehrfach zitierten Plessnerschen Untersuchungen fällt auf, daß das "Betriebsklima" der deutschen Universitätskliniken von fast allen Befragten als besonders unerfreulich geschildert wird. Es läßt sich nicht übersehen, daß dies die teils unmittelbare, vor allem aber die mittelbare Folge davon ist, daß sich die akademische Freiheit innerhalb der Fakultät als Monopol in der Hand des jeweiligen Lehrstuhlinhabers befindet, der in der Medizin ja zugleich Kliniks- oder Instituts-Chef ist. Alle anderen sind "der Nachwuchs", im Stande relativer Unmündigkeit, jedenfalls aber absoluter Abhängigkeit, vom Medizinalpraktikanten, der noch dabei, ist, sich vom Examen zu erholen, bis zum allmählich ergrauenden Oberarzt.

So ein Oberarzt hat das Gehalt eines mittleren Beamten, ist jedoch nur "Beamter auf Widerruf", hat also weder einen Kündigungsschutz noch irgendeinen Versorgungsanspruch für sich und seine Familie.