Seit Jahrhunderten verbringen die schwedischen Könige ihre Sommer auf der Insel Öland. Auch der jetzige wohnt während der warmen Jahreszeit auf dem Sommerschloß Solliden, wenige Kilometer von Borgholm entfernt, der kleinen "Hauptstadt" der Insel. Schon nach wenigen Tagen begreift der Besucher die königliche Vorliebe für Öland: das durchschnittlich nur zehn Kilometer breite, aber 130 Kilometer lange Eiland zählt zu den sonnenreichsten und niederschlagsärmsten Ferienplätzen in Mittel- und Nordeuropa.

Diese meteorologische Sonderstellung verdankt Öland dem Umstand, daß es im östlichen Windschatten des schwedischen Festlandes liegt. Die feuchten atlantischen Westwinde werden an der Westküste, am Skagerrak und Kattegat in die Höhe getrieben. Steigende feuchte Luft hat die Eigenart, sich abzukühlen, Wolken zu bilden und auszuregnen. Wenn sich die westlichen Luftströme nach dem Passieren des Hochlands, über der schwedischen Ostküste wieder senken, besitzen sie gewöhnlich nicht mehr genügend Feuchtigkeit, um sie über der vorgelagerten Insel ausschütten zu können.

Für den gemeinhin von Wettersorgen geplagten Urlauber unserer Breiten ist es immer wieder ein erhebendes Schauspiel, wenn er von Öland aus im Westen eine bedrohlich dunkle Wolkenwand aufziehen sieht, ohne hurtig seine Sachen am Strand zusammenpacken zu müssen. In neunzig von hundert Fällen kann er sicher sein, daß die Regenfront über dem Festland auf der anderen Seite des Kalmar-Sundes stehenbleibt.

Mit dem Namen Kalmar lichtet sich für den geographisch Schwachen das Dunkel, wie er auf diese Sonneninsel kommen kann. Die mittelalterliche Festungsstadt an der Ostsee ist spätestens seit der Neuauflage der "Kalmarer Union" – der Hochzeit des jüngsten Adenauersohnes – allseitig bekannt; Von Kalmar aus fährt man in zwanzig Minuten mit der Fähre nach Öland hinüber. Auto oder Motorrad kann man für wenig Geld mitnehmen. Man sollte es sogar tun, denn Öland ist gerade für den motorisierten Urlauber wie geschaffen. Die Straßen sind gut. Und 260 Kilometer Badestrand wollen entdeckt sein. Dabei findet, sich für jeden Geschmack etwas. Vom mondänen Riviera-Betrieb bis zur einsamen Bucht für den Alleingebrauch ist alles zu haben. Sehr empfehlenswert, weil gut ausgerüstet und doch preiswert, sind einige Bungalowdörfer oder auch einzelne Bungalows. Sie enthalten vier Betten, haben fließendes Wasser, elektrischen Strom, Geschirr und Kochherd und kosten 50 Mark pro Woche. Da in Schweden nur Dienstleistungen, nicht aber Lebensmittel teuer sind, bieten sich hier, besonders für Familien, billige Urlaubsmöglichkeiten.

Ob man will oder nicht, man wird auf Öland mit der Geschichte unserer germanischen Vorfahren konfrontiert. Überall stößt man auf Runensteine, Schiffsgräber, frühgeschichtliche Steinhäuser und Tempelruinen. Dem historisch interessierten Besucher bietet die Insel gewissermaßen en passant einen erstaunlichen Querschnitt von der Bronzezeit bis ins Mittelalter. Der Touristenverein ist sich der Zugkraft dieser "Sehenswürdigkeiten" bewußt und hat sie alle mit erklärenden Texttafeln ausgestattet. Das ist ganz gut, denn die Runenzeichen unserer Vorväter sind uns in der Tat nicht mehr recht geläufig.

Sehr reizvoll für das Auge – und die Kameralinsen – sind auch die vielen Windmühlen, die auf der Insel stehen – insgesamt 430 Stück. Sie sind nicht rund und dickbäuchig wie ihre holländischen Schwestern; in ihrer kargen, gradlinigen Balkenkonstruktion machen sie vielmehr den Eindruck ausgewachsener preußischer Schilderhäuschen, aus denen große Schaufelräder herausragen. An Preußen erinnert dabei auch die Art Ihrer Aufstellung: wie Soldaten in Reih’ und Glied am Straßenrand außerhalb der Dörfer. Warum? Das liegt, so heißt es, an dem ausgeprägten Starrsinn der alten öländischen Bauern. Die Legende behauptet übrigens von ihnen, daß sie allesamt von den berüchtigten öländischen Seeräubern abstammen. Sie konnten sich in jenen (Jahren, als Windmühlen noch gefragt waren, nie über die gemeinsame Benutzung einigen. Deshalb hat jeder Bauer an der windgünstigsten Stelle außerhalb des Dorfes seine eigene Mühle errichtet.

Ob die alten Öländer am Ende gar schon gewußt haben, wie gut sich ländliche Romantik noch einmal auf den Fremdenverkehr auswirkt? Immerhin zählte die Insel während der letzten Sommersaison eine viertel Million Gäste. Die Zahl wächst von Jahr zu Jahr. Das ist eigentlich kein Wunder. Wie gesagt: Wo Könige wohnen...

Eduard Zimmermann