Weshalb die alten Industriestaaten mehr als bisher aus den Entwicklungsländern importieren müssen

Von Harald Jürgensen

Eugene Black, Präsident der Weltbank, war in der vergangenen Woche zu Besuch in Bonn. In Gesprächen mit dem Bundeskanzler und den Ministern Erhard und Etzel wurde die Errichtung einer "International Development Association" (IDA) behandelt. Die geplante "IDA" geht auf einen Plan des amerikanischen Senators Monroney zurück, den wir in der ZEIT vom 19. Juni 1958 besprochen und positiv beurteilt haben. Die "International Development Association" soll ein Schwesterinstitut der Weltbank werden, das den Entwicklungsländern in Asien zu sehr günstigen Bedingungen Kapital vermittelt. In der Regel sollen Kredite zu 2. v. H. mit 25- bis 30-jähriger Laufzeit gegeben werden, in Ausnahmefällen sogar zinslose Darlehen. "IDA"-Kredite hätten also beinahe den Charakter von internationalen Geschenken. Im folgenden Aufsatz untersucht Professor Jürgensen, weshalb diese wirtschaftlichen Randstaaten dringend auf weit höhere Deviseneinnahmen angewiesen sind als ihnen bis jetzt zufließen. Er kommt zum Schluß, daß es zur Politik der Geschenke für die Industrieländer nur eine Alternative gibt: die Öffnung der Grenzen für Exporte aus dem unterentwickelten Teil der Welt.

Die Weltwirtschaft steht vor einer umfassenden Aufgabe – der Eingliederung der Entwicklungsländer in die internationale Arbeitsteilung. Es geht dabei nicht um den bisherigen Austausch. Es gilt, die strukturellen Veränderungen zu verkraften, die aus dem notwendigen Einkommenszuwachs dieser Länder zu erwarten sind. Angesichts ihres überdurchschnittlichen Bevölkerungszuwachses liegen die Zuwachsraten in den Entwicklungsländern besonders hoch. Die erforderlichen Veränderungen der Produktionsstruktur – Intensivierung der Agrar- und Rohstoffproduktion und industrielle Expansion – sind daher tiefgreifend. Die Frage ist, welche Rückwirkungen diese Änderung der "Daten" in der Weltwirtschaft zur Folge haben werden.

Die bisherige Eingliederung der Entwicklungsländer in die Weltwirtschaft war charakterisiert durch die handelspolitische Ausrichtung dieser Gebiete auf die alten Kernländer. Die Entwicklungsländer erzeugen Rohstoffe und Nahrungsmittel, die überwiegend komplementär zu der Inlandsproduktion in den Industriestaaten und substitutiv zu dem Warenangebot der übrigen Länder sind.

So tauschen die hochentwickelten Länder der freien Welt (OEEC, Nordamerika, Japan) insgesamt 60 v. H. ihrer Ausfuhren untereinander, die Entwicklungsländer dagegen nur 30 v. H. Einige Beispiele mögen diese weltwirtschaftliche Grundstruktur noch verdeutlichen. Die nichteuropäischen Länder des Sterlingraumes exportieren jeweils nur 19 v. H., die lateinamerikanischen Länder nur 9 v. H., die Überseekolonien Europas nur 6 v. H. ihrer Gesamtexporte in den eigenen Raum. Die Wirtschaft dieser Länder besteht eben aus einem nur wenig spezialisierten Binnenkreislauf, der in der Regel ganz überwiegend von der Landwirtschaft bestimmt wird. Drastisch sichtbar macht dies die Tatsache, daß beispielsweise die Schweiz und Brasilien etwa den gleichen Umsatz im Außenhandel haben!

Bevölkerung wächst unaufhaltsam