Von Eka v. Merveldt

Der kleine vietnamesische Soldat kannte ein Stück von der Welt. Als die Franzosen aus Indochina herausgingen, gelangte er mit ihnen nach Toulon, denn er war damals ein kleiner französischer Soldat gewesen. Als er entlassen wurde, befand er sich in Süddeutschland, wo er eine Weile blieb. Er erklärte mir den Unterschied der Franzosen und der Deutschen auf seine Weise. Er behauptete, die Deutschen meinen, was sie sagen, sie lachten gern, so wie er, und sie hätten viel Herz. Ich fragte, ob er deshalb so freundlich von den Deutschen spreche, weil sie sein Land nie beherrscht hatten. Er antwortete, er habe nichts gegen die Franzosen, seit sie nicht mehr in Vietnam sind, aber er habe in Deutschland gelernt, daß nicht alle Europäer gleich seien.

Eine samthäutige Schönheit in weißseidenen Pluderhosen und einer meergrünen, bodenlangen Tunika darüber, die bis zu den Hüften geschlitzt war, kam aus der Zollabfertigung und trat auf den Vorplatz des Flugfeldes. Trotz der stehenden Hitze in diesem Sauna-Klima von Saigon wir der bis zu den Ohren reichende hohe Kragen ihres Kleides fest geschlossen, und sie trug Handschuhe, denn sie war eine elegante Dame und sah nicht im mindesten erhitzt aus, obwohl sie feurig gestikulierend und wortreich bei den Zöllnern ihre Hongkonger Einkäufe, darunter chinesische Puppen in allen Größen, verteidigt hatte. Sie schwang sich mit viel Grazie auf den Rücksitz eines verchromten Motorrollers, auf dem der geduldige Kavalier, der sie abholte, seit der Landung der Air-France-Maschine bewegungslos gewartet hatte, und sie sausten in die von den Franzosen mit ihrem Sinn für Proportionen und Perspektiven sorgfältig angelegte Stadt hinein, die einst, in sorgloseren Zeiten, "La Perle de l’Extreme Orient" genannt wurde und bis heute diese hundert Jahre französischer Vergangenheit nicht leugnen kann.

Für mich bleibt die Stadt ein Phantasiegebilde, denn der Lautsprecher rief, und in wenigen Minuten war ich wieder in der Luft. Während wir über schwarze, regenfeuchte Wälder, in denen nur hier und da rote Öllampen brannten, in die samtblaue Finsternis des Abends flogen, las ich einige auffallende Ungereimtheiten über die jüngste Entwicklung dieser südchinesischen Halbinsel. Dem in dem politischen Chaos unserer Tage, in den sorgfältige Vorbereitungen getroffen werden, um zu anderen Sternen vorzustoßen oder gar die gute alte Erdkugel in die Luft zu sprengen, sind hier die sonderbarsten politischen Gebilde entstanden: Vietnam, ein geteilter Staat (was nichts Besonderes mehr ist), mit Flüchtlingen im freien südlichen Teil, die auch keine seltenen Erscheinungen mehr sind. Zehn von hundert Einwohnern sind Chinesen. Ein Katholik steht an der Spitze des Staates. Dann Kambodscha: ein rosarot gefärbtes Königreich, von einem Prinzen, der Ministerpräsident ist, regiert, mit einer zu Rotchina tendierenden "Neutralität". Von Osten und Westen materiell unterstützt. Ebenfalls an China grenzend, das winzige Königreich Laos, mit westlich orientierter "Neutralität", mit einem kleinen Schießkrieg beschäftigt, weil kommunistische Truppenverbände, die vertragsgemäß in das Heer eingegliedert werden sollten, sich weigerten, ihre Kader aufzulösen, und im Dschungel verschwanden. Laos wird von Amerika unterstützt. Auch in diesem Land gibt es Flüchtlingssiedlungen. Im Süden die schmale Halbinsel Malaia – wo gerade die letzten kommunistischen Dschungelkämpfer nach zehnjährigem Guerillakrieg ihren Widerstand aufgeben. In diesem jungen Staat des englischen Commonwealth sind die Malaien knapp. Nur 50 von 100 Staatsangehörigen Malaias sind Malaien, 40 von 100 sind Chinesen, 10 von 100 Inlaien, Und das jüngste Staatsgebilde in diesem brodelnden, südöstlichen Asien heißt Singapur Dieser wimmelnde Handelsplatz auf der Insel in der Straße von Malakka hat in der Hauptsache chinesische Einwohner, die seinerzeit vor den Engländern als billige Arbeitskräfte herangeholt wurden, als dieser Stützpunkt aus dem Nichts zu einer blühenden Hafenstadt heranwuchs.

In drei Generationen sind die anspruchslosen, geschickten, fleißigen Chinesen in Singapur in die einflußreichsten Berufe aufgestiegen. Aber in allen diesen kleinen Ländern Südostasiens sagt man ihnen wenig Liebenswürdiges nach, ihr Handelsgeist, der hier ebenso berüchtigt ist wie der der Juden, Griechen und Armenier bei uns, läßt sie stets Listen und Tricks anwenden und niemals konstruktive – Lösungen suchen. In Ländern wie Malaya und Thailand werden sie heute im Chinesenviertel wie im Ghetto gehalten, zu gewissen Berufen, besonders Staatsstellungen, nicht zugelassen (in Malaya sind ihnen elf Berufe verschlossen), und dennoch fürchtet man, daß sie, weil sie wirtschaftlich so stark sind und undurchschaubare Verbindungen zu dem politisch erstarkten Rotchina haben, eines Tages auch in diesem Südosten die erste Geige spielen könnten. Sie assimilieren sich nicht, sie haben sich seit je kulturell über die kleinen Völker erhaben gefühlt und seit der Einigung Chinas durch Mao Tse-tung auch politisch. Es scheint so, als seien diese in fremden Ländern lebenden Chinesen bei diesen kleinen Völkern heute die Buhmänner, die auch schon als "Fünfte Kolonne" verdächtigt werden. Der Antagonismus gegen den weißen Mann tritt dagegen schon fast in den Hintergrund. Die Asiaten verfügen anscheinend auch über hochentwickelte Fähigkeiten, andere Asiaten übers Ohr zu hauen. Sie brauchten von den Europäern nicht zu lernen.

Ich nähere mich dem dritten "K" meiner Reise. Nach dem Kaiserreich Japan und der Kronkolonie Hongkong das Königreich Thailand (oder Siam), das durch große politische Geschicklichkeit niemals seine Selbständigkeit verloren und keinen Kolonialismus kennengelernt hatte und das klassische Land der Palastrevolutionen ist, die hier immer ziemlich glatt und unblutig verlaufen.

Thailand habe ich gleich am ersten Tag geliebt. Auf diesem wasserreichen Kontinent sind die Flüsse und Kanäle die Straßen, an denen das Volk wohnt. In Bangkok heißt der Fluß Menam Chao Phya und die Kanäle Klongs. Die Thais, die Freien, tun gut daran, die ankommenden Fremden gleich am frühen Morgen um sieben Uhr zu der Bootsfahrt in den Klongs einzuladen, wo die Leute in und mit dem Wasser leben, auf den Holzveranden ihrer Pfahlbauten Toilette machen und Kaufleuten, die ihren Laden im Boot haben, an den Treppen im Wasser ihre Waren abkaufen. Es war ein buntes, lustiges Leben hier in diesen Wasserstraßen, in die an vielen Stellen der Urwald hineinreicht. Diese einfachen, liebenswürdigen Menschen haben noch das bezaubernde Lächeln der Sorglosigkeit im Gesicht, das wir längst verlernt haben. Sie lachten und scherzten mit uns, sie winkten, und ihre sanften, weichen Bewegungen bezauberten uns. Selbst das Geld in diesem Land hat einen heiteren Namen: Tical.