Langjährige, innige Vertrautheit eines Autors mit seinem Gegenstand, wie ihn der Klappentext des Buches

Willi Flemming: "Ernst Barlach, Wesen und Werk" (Sammlung Dalp, Band 88); Francke Verlag, Bern; 253 S., 9,80 DM,

dem Verfasser mit gutem Recht bescheinigt, ist nicht immer und nicht unbedingt eine Empfehlung. Sie ist es dann nicht, wenn der Autor auf dem Standpunkt stehengeblieben ist, den er vor Jahrzehnten eingenommen hat, als er mit seinem Gegenstand vertraut wurde.

Willi Flemming setzt voraus, daß Barlach für den heutigen Leser und Betrachter noch immer die bestürzend neue, revolutionäre Erscheinung darstellt, die er für ihn, den Autor, um 1920 gewesen ist. Er übersieht dabei, daß sich Barlachs Bedeutung seitdem, vor allem in den zwanzig Jahren seit seinem Tode, ständig gewandelt hat.

Barlach wurde zunächst geächtet, dann, unmittelbar nach 1945, wiederentdeckt. Doch der Enthusiasmus, den sein Werk damals besonders bei der Jugend, die Barlach noch nicht gekannt hatte, hervorrief, hat seinen Höhepunkt inzwischen überschritten.

Heute ist Barlach wieder umstritten, aber nicht mehr als Avantgardist und Revolutionär wie zu Flemmings Zeiten, sondern als ein Künstler, dessen Probleme uns im allgemeinen nicht mehr unmittelbar berühren.

Heute käme es darauf an, das Werk nicht so sehr aus inniger Vertrautheit, sondern aus kritischer Distanz zu würdigen, ein auf das richtige Maß reduziertes Barlach-Bild zu gewinnen und nachzuweisen, warum auch dieser reduzierte Barlach noch immer groß und bedeutend genug ist, eine Beschäftigung mit seinem Werk zu rechtfertigen.

Statt dieser kritischen Auseinandersetzung begnügt sich Flemming mit einer systematischen und gründlichen Übersicht über die verschiedenen Zweige von Barlachs Schaffen. Graphik, Plastik, Dichtung, Sprachkunst, Dramen werden in einzelnen Kapiteln abgehandelt, wobei die literarischen Kapitel dem Autor, der in erster Linie Literaturwissenschaftler ist, besser geraten sind als die künstlerischen. Daß schließlich doch ein einigermaßen zutreffendes Bild von Barlach entsteht, ist vor allem den zahlreichen Zitaten aus Barlachs Werken und Briefen zu danken. Auf Abbildungen, wie sie sonst bei Barlach-Publikationen üblich sind, wurde dem besonderen Charakter der Sammlung Dalp entsprechend auch hier verzichtet. Gottfried Sello