Wir drucken hier einen Brief ab, in dem Professor Dr. Dr. h. c. L. Heilmeyer (Freiburg i. Br.), Ehrenprofessor der Medizinischen Fakultät Santiago de Chile und Inhaber vieler wissenschaftlicher Auszeichnungen, zu der Artikelserie "Wie man in Deutschland Medizin studiert" Stellung nimmt.

Der Autor dieses Aufsatzes erblickt in der Tatsache, daß sich Herr Dr. Forßmann mit seiner später mit dem Nobelpreis gekrönten Entdeckung der Katheterisierung des Herzens nicht habilitieren konnte, ein Beispiel für eine der "Hauptwurzeln" des angeblichen Niedergangs deutscher Wissenschaft. Sie sei Ausdruck einer "museumsreifen Universitätsverfassung" Daran anschließend folgen dann Forderungen, welche insgesamt dahingehen, die Machtbefugnisse der ordentlichen Lehrstuhlinhaber wesentlich einzuschränken.

Leider ist dieses Beispiel außerordentlich schlecht gewählt. Denn Herr Dr. Forßmann hat seine Arbeit im Jahre 1929 an der Klinik von Prof. Sauerbruch durchgeführt, in einer Zeit also, in der die deutsche medizinische Wissenschaft noch auf einem Höhepunkt ihrer Entfaltung und allgemeinen Weltgeltung stand. Der "kurzsichtige und egoistische" Lehrstuhlinhaber war in diesem Falle eine der glanzvollsten Erscheinungen am Himmel nicht nur der deutschen, sondern der gesamten europäischen Chirurgie, ein Mann mit genialen Ideen, der Begründer der Thoraxchirurgie, ohne dessen Wirken wir vielleicht heute noch nicht in der Lage wären, die großartigen lungenchirurgischen Eingriffe zu machen, wie das heute allerorten möglich ist.

Seine zahlreichen, hervorragenden Schüler sind heute, noch führende Chirurgen nicht nur in Deutschland, sondern auch zum Teil in den vom Autor des Artikels als besonders vorbildlich angesehenen Vereinigten Staaten von Nordamerika. Es wird also gerade einer der bedeutendsten Förderer deutscher wissenschaftlicher medizinischer Weltgeltung angeprangert und ihm sogar indirekt die Verantwortung für den Niedergang deutscher Wissenschaft beispielhaft zugeschrieben – wahrlich absurd.

War es auch wirklich so furchtbar, daß dieser selbe Universitätslehrer einmal Examenskandidaten mit ungenügenden Leistungen – weil sie also nicht den nötigen Fleiß und Ernst zum Studium aufbrachten – nach Prüfung im Auto unterwegs abgesetzt hat? Dieser selbe Lehrer Sauerbruch hat aber viel öfter fleißige und begabte Studenten in großzügigster Weise gefördert und oft mit Geschenken in seiner Vorlesung reichlich bedacht.

Würden in allen Universitäten die Unfähigen in solcher Weise zurückgesetzt und die Fleißigen und Begabten gefördert, wie das der "Herr Geheimrat" getan hat, dann wäre wahrscheinlich das Ergebnis unserer medizinischen Erziehung noch ein besseres als es heute ist.

Doch zurück zu Herrn Dr. Forßmann. War es wirklich die Unfähigkeit oder Bosheit des überragenden Universitätslehrers, der die Habilitation von Herrn Dr. Forßmann verhinderte, oder war es einfach die Tatsache, daß die Katheterisierung des Herzens zu einer Zeit, als man mit dieser Methode noch gar nichts anfangen konnte, weder von Herrn Sauerbruch, noch von irgendeinem anderen wissenschaftlichen Arzt in ihrer Bedeutung erkannt worden ist und auch nicht erkannt werden konnte? Hat denn Herr Dr. Forßmann selbst ahnen können, daß seine damaligen Versuche sich zu einer so bedeutsamen Methode für die Herzchirurgie entwickeln würden? Schließlich hat ja auch das Nobelpreiskomitee diese Tat erst nach 28 Jahren in ihrer Bedeutung erkannt und mit dem Preis ausgezeichnet. Es gibt eben Entdeckungen, die erst nach Jahrzehnten eine ungeahnte Bedeutung gewinnen. Im vorliegenden Falle mußte erst die Herzchirurgie soweit entwickelt sein, daß man kongenitale Herzfehler erfolgreich operieren konnte, zu deren Diagnostik sich der Herzkatheterismus als eine hervorragende Methode erwies.