Der Herbst könnte "kritisch" werden

Die Zahl der Arbeitslosen im Bundesgebiet wird erstmals vom Angebot an offenen Stellen übertroffen. Die Konjunktur läuft auf vollen Touren. Das zeigt auch der Index der industriellen Produktion. Er ist zwischen Januar und Mai dieses Jahres von 218 auf 252 gestiegen. In der gleichen Zeit des Vorjahres kletterte er von 219 auf nur 232.

Naturgemäß ist die Entwicklung der einzelnen Branchen unterschiedlich. Beim Steinkohlenbergbau stagniert die Beschäftigung nach wie vor; die Kohlenhalden steigen sogar weiter an. Anders in der eisenschaffenden Industrie. Hier hat sich der Index seit Beginn des Jahres von 136 auf 168 erhöht. Im Mai 1958 lag er bei 151. Auch in der Investitionsgüter-Industrie stehen die Zeichen auf Hausse. Der Index stand im Mai bei 336; im gleichen Monat des Vorjahres auf 306. Die Textilindustrie – bisher das Sorgenkind der deutschen Wirtschaft – weiß ebenfalls von einer besseren Geschäftslage zu berichten. Noch repräsentativer als die Produktionszahlen ist das Verhältnis von Auftragseingang und Umsatz. Während in der gesamten Industrie bei Beginn des Jahres der Auftragseingang nur 102 v.H. vom monatlichen Umsatz betrug, war das gleiche Verhältnis im April 110. Auch hier gibt es Unterschiede. In der Grundstoffindustrie ist die entsprechende Zahl 105, in der Investitionsgüterindustrie 107, in der Verbrauchsgüterindustrie 115 und in der Textilindustrie sogar 153 gegenüber 98 in der Vergleichszeit April 1958.

Es ist also auf der ganzen Linie ein kräftiger Auftrieb festzustellen. Bedenkliche Ausmaße hat er bisher nicht angenommen; im allgemeinen sind nämlich die Preise stabil geblieben. Der Lebenshaltungsindex vor allem hat sich in diesem Jahr kaum verändert. Auf die Preise aber kommt es an. Solange die Versorgung der Bevölkerung zu gleichbleibenden Preisen gesichert ist, kann von einer Überhitzung nicht gesprochen werden. Die Wirtschaft aber hat bisher die günstige Marktlage nicht dazu genutzt, um Preiserhöhungen durchzusetzen. Das vermag sie auch nicht, solange die Importschleusen weit genug geöffnet bleiben und die Konkurrenz eines preisgünstigen Auslandsangebotes wirksam ist.

Die Preisstabilität hängt aber nach allen Erfahrungen wesentlich mit davon ab, wie das Lohnniveau gestaltet wird. Zweifellos gibt es hier Auftriebstendenzen. (Sie zeigen sich immer, wenn zwei Meister einem Gesellen nachlaufen!) Wer aber will es den Gewerkschaften verdenken, wenn sie die derzeitig günstige Konjunktursituation dazu nutzen, um Lohnerhöhungen durchzusetzen? Man kann und muß ihnen sicherlich Maßhalten ans Herz legen, jedoch darf man nicht von ihnen erwarten, daß sie die Lohnpolitik zu einem konjunkturpolitischen Instrument ausgestalten – mit anderen Worten, daß sie in der Hausse auf Lohnforderungen verzichten. Der Hebel wird vielmehr dort angesetzt werden müssen, wo der Konjunkturauftrieb seinen Ursprung hat.

Das ist der Kapitalmarkt. In den ersten fünf Monaten des Jahres wurden insgesamt 5,3 Mrd. DM an neu aufgelegten festverzinslichen Wertpapieren abgesetzt – bedeutend mehr als im gesamten Jahr 1957 (mit 4,2 Mrd.) und relativ mehr als 1958 insgesamt (mit 8,1 Mrd. DM). Vor allem war es der Wohnungsbau, dem über den Kapitalmarkt unverhältnismäßig große Mittel zugeflossen sind. Die günstige Kapitalmarktlage bei Jahreswechsel wurde zweifellos überschätzt. Es wurden an den Markt insgesamt Anforderungen gestellt, denen er auf die Dauer nicht entsprechen kann. Hier gilt es in erster Linie, Sorge dafür zu tragen, daß sich die Konjunktur nicht in Bereichen überhitzt, in denen das Auslandsangebot nicht wirksam werden kann. In erster Linie ist dies der Wohnungsbau.

Tritt hier kein Wandel ein, dann wird möglicherweise nichts anderes übrigbleiben, als mit kreditpolitischen Maßnahmen bremsend’ auf die Konjunktur einzuwirken. Die Bundesbank wird sich dann vielleicht zu ähnlichen Maßnahmen entschließen müssen, wie sie bereits in den USA ergriffen worden sind. Ob eine solche Politik auch in der Bundesrepublik notwendig wird, werden die nächsten Monate zeigen. Der Spätsommer war in den letzten Jahren stets kritisch. Wenn nicht alles täuscht, wird sich die Bundesbank auch diesmal. wieder dazu gezwungen sehen, die eingeschlagene kreditpolitische Linie zu überprüfen. Kann sie weiterhin ein niedriges Zinsniveau verteidigen, oder muß sie das Steuer herumwerfen? Auf diese Frage läßt sich im Augenblick noch keine Antwort geben. Sicher aber ist, daß die Bundesbank dem Kapitalmarkt kein Primat zuerkennt, sondern daß für sie nach wie vor die Bekämpfung inflationistischer Tendenzen in ihren Anfängen an erster Stelle steht. W. Ringleb