München, im Juli

Daß bei tropischen Temperaturen ein ausverkauftes Haus über vier Stunden lang eine Tragödie durchhält, in der kein Lichtblick die Lebensgeister auffrischt – das ist wohl nur möglich, wenn das Drama "Dantons Tod" und der Regisseur Fritz Kortner heißt.

Dem gewohnten Bild der Apotheose des Revolutionärs und der Revolution stellte Kortner das wesentlich überzeugendere des ausgebrannter, bindungslosen Menschen und des verantwortungslosen Amoklaufs der wild gewordenen Weltbeglückungsphrase gegenüber. Zugleich gab er dem Stück damit eine moderne Deutung, nach welcher uns die seitherigen Weltläufte Dantons Skepsis tausendfach bestätigt, sein revolutionäres Pathos tausendfach diskreditiert haben.

Es gab im Residenztheater zunächst eine fühlbare Verblüffung, dann heftige Debatten für und wider, als dieser Kortnerische Danton beinah; wie ein entgleister kleinbürgerlicher Hamlet seinem Schicksal entgegenphilosophierte. Woher nahm Kortner das Recht, den Schwerpunkt der Gestalt so entschieden vom Pathetisch-Rhetorischen in das Verhalten-Gedankliche zu verlagern Nun: erst einmal von Georg Büchner selbst. Der Dichter hat kein frisch-fröhliches, bedenkenloses Bekenntnis zum blutigen Aufruhr schreiben wollen. Ihm kam es auf Sachlichkeit und Wahrheit an. In einem Brief nannte er die Helden des Stückes ungeschminkt "Banditen der Revolution Und er zeichnete den Danton durchaus als einen längst Ernüchterten. "Ich bin eine Reliquie", sagt er; und als Camille ihn "träg" nennt, ist seine Antwort: "Ich bin nicht träg, aber müde. Meine Sohlen brennen mich."

Der todbereite, übersättigte Danton Hans. Christian Blechs, der völlig desillusioniert in die eigene Vergangenheit zurückblicken muß, um vor dem Tribunal seinen revolutionären Tiraden für Minuten den Schwung der Überredungskraft zu leihen, und der Robespierre Karl Parylas, kein bloßer gleisnerischer Tugendbold, sondern das tragisch überzüchtete Musterexemplar eines grundsatztreuen Pflichtmenschen, zeigten die Fruchtbarkeit des Zusammenwirkens mit Kortner auf ergreifende Weise. Auch ihre Neuprägung der tragenden Hauptrollen wird die Bühne künftig nicht ignorieren dürfen. Walter Abendroth