Paris, im Juli

Paris rüstet sich für den offiziellen Besuch König Mohammeds V. von Marokko. Nicht alle Franzosen sind indes einverstanden mit der Visite des früheren Sultans, der sich vor zwei Jahren zum König Marokkos hat proklamieren lassen. So ritt etwa der Abgeordnete La Pen in der Kammer eine wütende Attacke. Mohammed V. sei keineswegs ein Freund Frankreichs, rief der Breone aus. Daß er damit bei seinen Kollegen keineswegs nur Widerspruch erntete, zeigt deutlich, daß die französische Öffentlichkeit noch schwankt, für welches Bild des maghrebinischen Monarchen sie sich entscheiden soll.

Erleichtert wird ihr die Wahl allerdings insofern etwas, als von den drei Beurteilungsklischees das zeitlich erste kaum mehr Aufmerksamkeit weckt. Ältere Zeitgenossen erinnern sich vielleicht noch an. Aufnahmen, die man vor drei Jahrzehnten in den Illustrierten oder in der Wochenschau sehen konnte. Sie zeigten einen sechzehnjährigen Jüngling in weißer Djellabah, der ständig von französischen Uniformen umgeben war. Mit verschlossenem und etwas melancholischem Blick sah man den blutjungen Sultan des "Protektorats" die Stauwerke oder Spitäler mustern, die ihm von den Vertretern der Protektoratsmacht vorgeführt wurden. Für die französische Öffentlichkeit war er damals ein Musterbild der zivilisatorischen Ausstrahlung Frankreichs.

Sidi Mohammed ben Jussuf, der 1927 als jüngster der drei Söhne des eben verstorbenen Sultans Mulay Jussuf und als achtzehnter Herrscher der Alauitendynastie den scherifischen Thron bestieg, nahm geschickt die französische Erziehung an und machte sich den Lebensstil der Eroberer mit aller Perfektion zu eigen. So schien der junge Fürst mit seiner Person die beste Garantie für das Weiterdauern der engen Bindung an Frankreich zu sein.

Etwas allerdings stimmte in der Rechnung nicht. Der junge Sultan wußte sehr genau, weshalb die Protektoratsmacht gerade ihn in den Sattel gehoben hatte. Die französischen Generale und Generalresidenten hatten ihn gewählt, weil er in seiner Familie die Rolle des in die Ecke gedrängten Außenseiters innehatte und darum besonders gut manövrierbar schien. Aber die Ohnmacht schärft den Blick für die Macht, und der hochbegabte Fürst begann langsam und vorsichtig sein Spiel gegenüber den Franzosen zu spielen. So wurde denn Sidi Mohammed von Jahr zu Jahr unbequemer – insbesondere, als sich zeigte, daß er auch die Zusammenarbeit mit der in den dreißiger Jahren jäh aufsteigenden nationalistischen Istiklal-Partei nicht scheute, obgleich diese doch eindeutig republikanische Tendenzen an den Tag legte,

Im Sommer 1953 machte sich dann der aufgestaute Ärger der französischen Lokalgewaltigen in Marokko Luft. Sie begingen eine große politische Dummheit: Unter der Regierung Laniel, während Frankreich durch den Verkehrsstreik gelähmt war, kam es zur ersten von einer langen Reihe von Eigenmächtigkeiten nordafrikanischer Satrapen, die hinterher von der schwachen Zentrale in Paris zähneknirschend als "fait accompli" akzeptiert wurden. Ein französischer General setzte den unbequemen Sidi Mohammed ab und schickte ihn nach Madagaskar in die Verbannung. Den scherifischen Thron bestieg der hilflose Greis Ben Arafa. Und nun begann jene zweijährige Entwicklung, in deren Verlauf ein Mann, der als Puppe der Protektoratsmacht gegolten hatte und vom Volk nicht besonders geliebt worden war, zum Idol der Massen, ja fast zum Gott wurde.

Die Franzosen versuchten verzweifelt, sich diesem Vorgang entgegenzustemmen. Während des Sultans Gegenspieler, der Bordellbesitzer El Glaui, zum Urbegriff aller ritterlichen Tugenden stilisiert wurde, stempelte man den Exilierten von Madagaskar zum Ausbund eines hinterlistigen orientalischen Despoten, der auf Kosten seines Volkes unermeßliche Reichtümer aufgehäuft und sich in seinem Palast unnatürlichen Ausschweifungen hingegeben habe.