Die Furcht, in Genf könnten harte Worte gesagt und Maßnahmen angedroht werden, die in den Augen internationaler Anleger die Bundesrepublik zum Krisengebiet machen könnten, hat in den letzten Tagen die Aktienhausse etwas gebremst. Es gibt eine große Gruppe in den Börsensälen, die auf einen politischen Donnerschlag "spekuliert" und in Verbindung mit ihm einen kräftigen Kursrückgang prophezeit. In der vergangenen Woche gab es Tage, in denen sich große Banken und auch Investment-Gesellschaften durch Aktienverkauf flüssig machten. Eines Tages werden aber diese Mittel wieder angelegt werden müssen. Das geschieht dann, wenn tatsächlich die Kurse einmal aus politischen Gründen ins Kutschen kommen sollten oder wenn sich eindeutig herausstellt, daß alle politischen Befürchtungen grundlos waren. Die berufsmäßigen Börsenpropheten sind – wie schon im Falle Genf I – optimistisch und sehen keine politischen Schwierigkeiten. Sie hämmern ihren Anhängern ein: Kaufen! Kaufen! Kaufen! Bislang war ihre Marschroute jedenfalls richtig und auch populärer als alle warnenden Hinweise der Banken.

In der vergangenen Woche wurden wieder einmal die Bankaktien entdeckt. Vielleicht auch nicht einmal zu Unrecht, denn die Aktienhausse hat die Wertpapierportefeuilles der Banken im Wert kräftig gesteigert. Bei ihnen sind erhebliche stille Reserven entstanden. Wenn sie auch problematisch (weil schwer realisierbar) sind, so kann man wenig dagegen einwenden, daß die Börse Großbankaktien in Übereinstimmung mit der sonstigen Hausse heraufsetzt. Überdies glaubt man zu wissen, daß Kapitalerhöhungen im nächsten Frühjahr bei den Großbanken fällig werden. Die Ankündigung der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank, genehmigtes Kapital bis zu 30 Mill. DM schaffen zu wollen, hat diese Auffassungen gestärkt.

Der Markt der Bankaktien wird im kommenden Monat um ein interessantes Papier erweitert werden. Es handelt sich um die Aktien der Banque de Paris et des Pays-Bas, einer der größten französischen Geschäftsbanken mit einem Grundkapital von 645 Mrd. Francs (= 55 Mill. DM). Das Papier ist spekulativ interessant. Mit 42 800 Francs für ein Stück über 5000 Francs hat es seinen bisherigen Höchstkurs erreicht. Es steht eine Kapitalerhöhung bevor, zum anderen ist es durchaus möglich, daß die in Frankreich für 1960 vorgesehene Aktienrechtsreform die Bank zwingen wird, ihre erheblichen stillen Reserven offenzulegen. Daran knüpft sich die Hoffnung auf Gratisaktien. Von der Rendite her bietet die Aktie wenig. Bei einer Dividende von 13 v. H. liegt die Verzinsung des eingesetzten Kapitals bei knapp 1,3 v. H. Schon jetzt sind von deutschen Anlegern einige Käufe in diesem Papier vorgenommen worden. Man erinnerte sich in diesem Zusammenhang an den günstigen Start der Philips- und Unilever-Aktien an den deutschen Börsen und erwartet offenbar, daß das französische Papier bei uns einen ähnlichen Markt finden wird. Das wird aber weitgehend davon abhängen, ob die französische Aktie – ebenso wie Philips und Unilever – an allen deutschen Hauptbörsen amtlich zur Notiz gebracht wird.

Kurt Wendt