XIII. Wie leben die Franzosen unter General de Gaulle? – Ein Pariser Tagebuch

Von Josef Müller-Marein

Der Offizier, dem Mon Père mich herzlich empfohlen hatte, besaß einen so hohen Rang, daß mir, sobald der Adjutant den Titel seines Chefs sagte, ein "innerer Ruck" durch die Glieder fuhr, der doch offenbar vom Kriege her noch unvergessen war. Wie gut, daß ich als Schauplatz des Rendezvous’ nicht eines der mir vertrauten gemütlichen Lokale in der Nähe der Sorbonne, sondern ein repräsentatives Restaurant auf der rechten Seine-Seite vorgeschlagen hatte! Ich sage den Namen nicht; das Lokal ist schon bekannt – und kostspielig – genug.

Ob er anhalten lassen und den Wagen wegschicken dürfe, fragte der Offizier, als wir am Louvre ankamen. Na, bitte; ich erlaubte es ihm. Wir waren schweigend von seiner Dienststelle bis hierher, zum Eingang der Tuillerien-Gärten, gefahren. Und während sich meine hochachtungsvolle Verkrampfung allmählich löste, spazierten wir des Weges: eine Beschäftigung, die wir damit entschuldigten, daß es nicht so schlecht sei, sich dann und wann die Beine zu vertreten.

Daß die Helden nicht immer riesenhaft von Gestalt sein müssen, das hatte ich schon im Kriege erfahren. Dieser hier war knapp mittelgroß. Es war auch nichts Starres, Steifes, Konventionelles an ihm, wie ich bald feststellte, nichts von dem, was man nicht nur im preußischen, sondern auch im internationalen Sprachgebrauch als "soldatisch" bezeichnet. Ein jung wirkendes Gesicht, das von Natur aus gebräunt schien. Weiße Schläfen. Ein klar gemeißeltes, aber nicht übertrieben auf den Ausdruck von Willensstärke eingerichtetes, männliches Gesicht.

Er freute sich an dem Gedanken, daß wir durch einen Park schlenderten, den noch Le Notre angelegt und der sich seit den Tagen des großen Gartenkünstlers nicht wesentlich verändert hatte. Und ich hatte schon im Sinne, ein liebes Wort über die Tradition zu sagen, wie dies dem Zivilisten ja leicht über die Zunge geht, wenn er sich in Gesellschaft eines Helden aus alter Soldatenfamilie befindet. Da fiel jedoch unser Blick auf einen Denkmalsockel und traf eine Kreide-Inschrift, die sich hier, in der Umgebung der herrlichen Blumenbeete, besonders häßlich ausmachte.

Mon Père hatte recht